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1.2. ... nach dem Goethejahr ...


In jede Wetzlarführung gehört die Beziehung Goethes zu der Wetzlarerin Charlotte Buff, verheiratete Kestner (1753-1828), und der Anlass für den Werther mit den Häusern, in denen Charlotte und der braunschweigische Legationssekretär Karl Wilhelm Jerusalem (1747-1772) wohnten.

Die Jahre 1771 und 1772, in die Goethes Wetzlarer Zeit gehört, waren aber auch die Zeit der ersten intensiven Beschäftigung Goethes mit dem Koran. Zur Herbstmesse im September 1771 lag vielleicht für Rezensenten die 1772 von dem Frankfurter Gymnasialprofessor David Friederich Megerlin (gest. 1778) veröffentlichte erste deutsche Koranübertragung aus dem Arabischen unter dem Titel Die türkische Bibel vor. Jedenfalls ist anzunehmen, dass aus dieser Zeit im Goethe Museum Düsseldorf aufbewahrte von Goethe handgeschriebene Koranauszüge deutscher Sprache stammen. Er bearbeitete in ihnen die Fassung von Megerlin nach dem 1698 veröffentlichten lateinischen Text von Ludovico Marraci(Ludovicus Maraccius, 1612-1700). Goethe benutzte eine Ausgabe dieses Textes, der Mohamedis [...] Fides Islamitica, von 1721. Am 22. Dezember 1772 erschien in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen ein wahrscheinlich von Goethe verfasster kritischer Hinweis auf Megerlins Ausgabe, „diese elende Produktion”.

Im Herbst 1771 und im März 1772 schloss Goethe zwei Urfassungen des Schauspiels Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand [8] ab. Die zuletzt in Palo Alto, USA, lehrende Germanistin Katharina Mommsen legt dar, dass der junge Goethe in den Gestalten des jungen Georg und des Klosterbruders Martin, die sich beide Götz im Kampf anschließen wollen, seinen eigenen enttäuschten Wunsch nach Freundschaft von seiten Johann Gottfried Herders (1744-1803) bearbeitet. Sowohl in seinen Briefwechsel mit Herder als auch in das Drama spielt das Verhältnis des Mose zu seinem Helfer (den auch Goethe sucht), dem Bruder Aaron, nach Sura Ta Ha (20, 25-35) hinein. Das Zitat (20, 26) über unserem Kapitel [Um die Synode der EKD ...] zeigt, dass Goethe seinen entscheidenden Gedanken hier nicht aus der Bibel gewinnt (vgl. 2. Mose / Exodus 4, 10-17), die ihm in den Originalsprachen gut vertraut war, sondern aus dem Koran. Im Drama sagt Götz zu Martin „Gott wird Euch Raum geben” und Martin zu Götz „Wie mir's so eng um's Herz ward, da ich ihn sah [...]” [9]. Nach Regine Otto [10], Stiftung Weimarer Klassik, ist der Brief offenbar vom 10. Juli 1772 und das Zitat das erste von Goethe bekannte Koranzitat.

Goethe studierte alle ihm zugängliche Literatur über den Propheten Muhammad und arbeitete 1772/73 an einer uns nur fragmentarisch erhaltenen Tragödie Mahomet[11]. Seine späten Erinnerungen in Dichtung und Wahrheit (Dritter Teil, 14. Buch) lassen vermuten, dass er in der Abgrenzung von dem Rationalisten Johann Bernhard Basedow (1723-1790) und dem Prediger Johann Caspar Lavater (1741-1801) durch die Beschäftigung mit „dem Leben Mahomets, den ich nie als einen Betrüger hatte ansehen können” an seiner eigenen Lebensrolle arbeitete. Goethe entscheidet sich selbst bewusst gegen einen ‚prophetischen’ Weg, sieht auch tragische Züge im Weg des Propheten Muhammad, denkt aber an einen Abschluss des Werkes, der den Propheten mit Hochachtung würdigt, und bleibt auch bei dieser Hochachtung sein Leben lang [12].

Ein Ausdruck der Universalität Goethes ist gewiss, dass er zur selben Zeit und vordergründig widersprüchlich scheinend an Mahomets-Gesang und Prometheus arbeitet, zwei Gedichten, die er beide allerdings nur zurückhaltend verbreitet [13]. Nach Goethes eigenen Äußerungen wird man es dabei als zumindest missverständliche Festlegung empfinden, dass der deutsche, heute in Salzburg lebende Sufimeister Stefan Makowski formuliert: „Es ist wahr, daß Goethe ein Heiliger zu werden wünschte” [14].

Die ernsthafte und offene Beschäftigung von Denkern wie Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Herder, Goethe und Friedrich Rückert (1788-1866)mit dem Koran und dem Islam galt offensichtlich schon wenige Jahrzehnte später in der deutschen Bildungsschicht als so unannehmbar, dass sie in mehreren Fällen vollständig verdrängt wurde. Insbesondere Katharina Mommsen hat dies seit 1988 für die Goethe-Forschung korrigiert. Der Tübinger katholische Theologe Karl-Josef Kuschel hat im Falle Lessings auf den entsprechenden Sachverhalt aufmerksam gemacht [15]. Der evangelische Theologe Martin Bauschke weist in seiner Jenaer Dissertation darauf hin, dass Goethes Würdigung des Islam durch den Historiker und Sozialpolitiker Thomas Carlyle (1795-1881) in den angelsächsischen Raum einwirkte [16].

1999, 250 Jahre nach Goethes Geburt, fasste der aus dem christlichen Viertel von Damaskus stammende Schriftsteller Rafik Schami (Künstlername) gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendbuchlektor seines Verlages Uwe-Michael Gutzschhahn, die frühen 1770-er Jahre in einer leicht fasslichen Einführung in Goethes Werk so zusammen: „In dieser Zeit war Goethe sehr aktiv und alles fesselte seine Aufmerksamkeit. Er schrieb sogar über den Propheten Mohammad und beschäftigte sich mit den wichtigsten Denkern und Dichtern der Geschichte von Homer über Pindar bis Spinoza. Auch dem Koran und der Bibel widmete er besonderes Interesse. Und das Erstaunliche war, dass er dabei dennoch leidenschaftlich lebte und innerhalb von drei Jahren intensive Beziehungen zu Charlotte Buff [...], Maximiliane Laroche und Johanna Fahlmer hatte” [17].

Beiträge für das detailliertere Studium aus Anlass des Goethejahres 1999 waren eine neu kommentierte Teilausgabe des Werks von Katharina Mommsen unter dem Titel Goethe und der Islam [18] und die Ausstellung Goethes Morgenlandfahrten des Goethe- und Schiller-Archivs in der Stiftung Weimarer Klassik mit ihrem Katalog. Die Ausstellung gibt Einblicke in die letzte Phase von Goethes Arbeit mit dem Koran und der islamischen Kultur, in der er sich auch um die arabische Sprache bemühte. Ihr Beginn liegt in den Jahren von 1813 bis 1815 im Ankauf von Handschriften „zum Grunde einer orientalischen Manuscript-Sammlung” der damals Goethe unterstehenden heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, in der Begegnung mit baschkirischen Soldaten, die im Evangelischen Gymnasium in Weimar beteten und besonders im Kennenlernen des Werkes des herausragenden Vertreters der persischen Dichtung Hafez (Khwa-jeh Shams od-Din Mohammad Shirazi, 1320-1388 [19] ) sowie weiterer Werke der orientalischen Dichtung. Sie gipfelt im West-östlichen Divan (1819, veränderte Ausgabe 1827), in dem Hafez („Hafis”) sein ‚Zwilling’ [20] und „Meister” [21] ist, und zu dem Goethe als einzigem seiner Werke auch breit angelegte Erläuterungen veröffentlichte (Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans).

Im Juli 2000 bildete der Besuch des iranischen Staatspräsidenten Sayyid Mohammed Khatami in Weimar, bei dem er gemeinsam mit Bundespräsident Johannes Rauein Denkmal zur geistigen Begegnung von Hafez und Goethe — von Morgenland und Abendland — enthüllte, eine Brücke zwischen dem Goethejahr 1999 und dem von den Vereinten Nationen erklärten Jahr des Dialogs der Zivilisationen und Kulturen 2001. Präsident Khatami hatte dieses Jahr angeregt [22].

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Anmerkungen
[8]

Wolfgang Kayser im Kommentarteil der Hamburger Ausgabe, Band 4, 504f. K. Mommsen, Goethe und der Islam, 26, geht vom Abschluss im Mai 1772 aus. Einige Goethe-Darstellungen nehmen an, dass Goethe am 10. Mai, andere, dass er am 25. Mai 1772 in Wetzlar eintraf. [8]


[9]

Erster Akt. Herberge im Wald. [9]


[10]

R. Otto, Morgenlandfahrten mit Herder im Geist der Ebräischen Poesie, 31, unter Bezug auf: Der junge Goethe, hg. Hanna Fischer-Lamberg, 1963-1974, Bd. 2, 256. [10]


[11]

Goethe nannte den Propheten, der die Offenbarung des Koran empfing, nach älteren abendländischen Vorbildern noch „Mahomet”. Später im 19. Jahrhundert setzte sich im deutschen Sprachgebrauch „Mohammed” durch. Wie „Koran” und „Moslem” / „Moslemin” entspricht dies (vermittelt über das Osmanische) eher der persischen Form als dem Hocharabischen des Koran (Muhammad, Qur‘an, muslim / muslima[tun]). Heute werden auch im Deutschen mindestens die Formen „Muhammad” und „Muslim” / „Muslimin” zunehmend vertrauter. [11]


[12]

Die scherzhafte Variante des Themas sind die 1774 mit Bezug auf die Station Ems der gemeinsamen Rheinreise und einer Anspielung auf den Weg nach Emmaus des Lukasevangeliums, Kapitel 24, als Gelegenheitsgedicht entstandenen Verse

Und wie nach Emmaus weiter ging's
Mit Sturm und Feuerschritten:
Prophete rechts, Prophete links
Das Weltkind in der Mitten.

(Zwischen Lavater und Basedow; ebenso Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, Vierzehntes Buch). [12]


[13]

Mahomets-Gesang erschien zwar in älterer Fassung 1774 im Göttinger Musenalmanach,galt aber Goethe selbst in Dichtung und Wahrheit, wo er es aus der Erinnerung erstaunlich gut beschreibt, als verschollen und wurde aus dem Nachlass der Charlotte von Stein (1742-1827) durch den Weimarer Bibliothekar Gustav Adolf Schöll (1805-1882) 1846 erstmals in eine gedruckte Ausgabe von Goethe-Schriften aufgenommen. Der Titel Mahomets-Gesang, von Goethe selbst ohne Bindestrich in zwei getrennten Worten geschrieben, ist im Sinne von Preislied auf Mahomet zu verstehen.

Prometheus wurde 1785 von Goethes Jugendfreund, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819), ohne Goethes Einverständnis veröffentlicht und diente mit dem Vorwurf des Atheismus „zum Zündkraut einer Explosion” (Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, Fünfzehntes Buch; vgl. Erich Trunz im Kommentarteil der Hamburger Ausgabe, Band 1, 481-485). [13]


[14]

St. Makowski, Allahs Diener in Europa. Denker und Dichter im Dialog mit dem Islam. 1997, 49. St. Makowski legt dabei selbstverständlich zutreffend darauf Wert, dass Goethe selbst forschte und suchte „ohne von einem Sufi-Scheich in die Teilnahme an der Göttlichen Wirklichkeit eingeführt worden zu sein” (52). Antworten auf die Frage, in welchem Sinn Goethe sich selbst als Muslim gesehen hätte bzw. hat, werden Leserinnen und Leser offen prüfen. In der Regel erwarten weder Musliminnen und Muslime noch die Goethe-Interpretation dazu eine ausdrückliche Erklärung, wie sie der schottische Sufimeister Abd al-Qadir as-Sufi al-Murabit (religiöser Name) abgegeben hat (Abdalqadir Al-Murabit: Anerkennung Goethes als Muslim. 19. Dezember 1995. ‹http://abdallah.freeyellow.com/goethe.html› [20.07.2001] und ders.: Fatwa über die Anerkennung Goethes als Muslim, in: Weimar Institut — Europäische Muslime ‹http://www.weimarinstitut.net/goethefatwa.htm› [16.03.2003] mit einem Faksimile aus Goethes Arbeit zum Koran — Auf dieser Seite befinden sich auch ein Nachtrag sowie Reaktionen/Reflexionen zum Fatwa). So beschränkt sich auch Hüseyin Yücel, War Goethe ein Muslim? ‹http://www.kaaba-online.de/main_file.php/kaaba01/28› (09.11.2002) auf die Wiedergabe von Ergebnissen Katharina Mommsens.

Hinweise zum Wirken von Abd al-Qadir und St. Makowski geben der emeritierte Lausanner Religionswissenschaftler Carl-A. Keller, Sufismus in Europa, 147-149, und der rheinische evangelische Theologe und Jenaer Doktorand Ludwig Schleßmann, Sufi-Gemeinschaften in Deutschland, 14. Abd al-Qadir inspirierte von 1981 bis 2002 eine islamische Gemeinschaft von Granada zum Bau der auf dem Albaicin der Alhambra gegenüberliegenden Moschee, der von den Königen Spaniens und Marokkos gefördert wurde. Er lebt heute in Argentinien. [14]


[15]

K.-J. Kuschel, Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. [15]


[16]

M. Bauschke, Jesus — Stein des Anstoßes, 58; vgl. den niederländischen reformierten Pfarrer Jan Slomp, Die Veraenderung des Mohammed-Bildes in den christlichen Kirchen seit dem 2. Vaticanum. Eine islamische Reaktion auf das Werk Thomas Carlyles ist Imran Hayatuddin: Thomas Carlyle und der Prophet Muhammad. Über den großen Dichter und seine Verehrung des Gesandten Allahs, in: Weimar Institut — Europäische Muslime ‹http://www.weimarinstitut.net/carlyle.htm› (16.03.2003); vgl. ders.: Thomas Carlyle und der Prophet, in: Islamische Zeitung 04.02.2002 ‹http://www.islamische-zeitung.de/cgi-bin/artikel/571.html› (25.06.2002). [16]


[17]

Rafik Schami / Uwe-Michael Gutzschhahn, Der geheime Bericht über den Dichter Goethe, der eine Prüfung auf einer arabischen Insel bestand. 1999, 170. [17]


[18]

Auf dieser Ausgabe beruhen grundsätzlich die Hinweise dieses Abschnittes und hieraus sind alle Goethezitate dieses gesamten Beitrags entnommen, die sich nicht in der Hamburger Ausgabe finden.

Dieser Abschnitt ist bewusst knapp und offen gehalten. Er will eher dazu anregen, Goethe selbst zu lesen, als das Thema ‚Goethe und der Islam’ vollständig darzulegen und mit Stellungnahmen zu versehen. [18]


[19]

Nach der Datierung des französischen Orientalisten Jean Moncelon, D'Orient & d'Occident. Es werden in der Literatur verschiedene abweichende Lebensdaten angenommen. Die Seite von Jean Moncelon ist ein eindrückliches Vorbild für eine Darstellung von Wissenschaft, Literatur und lebensgeschichtlichen Begegnungen durch die Möglichkeiten des Internet. [19]


[20]

Unbegrenzt (Hafis Nameh. Buch Hafis) [20]


[21]

An Hafis (ebd.) [21]


[22]

Texte zunächst bei: Permanent Mission of the Islamic Republic of Iran to the United Nations, Dialogue among Civilizations ‹http://www.un.int/iran/dialog.html› (20.12.2001), später: Presidency of the Islamic Republic of Iran, Dialogue among Civilizations ‹http://www.gov.ir/year2001/index-e.htm› (20.12.2001), dann unter der Adresse http://www.president.ir/year2001/index-e.htm› (25.03.2003); Informationen auch unter International Centre for Dialogue among Civilizations ‹http://www.dialoguecentre.org/main.html› (23.02.2002). [22]