Abraham

Abendliche Besinnung zu Genesis / 1. Mose 15, 1-6
mit dem Bild
Abraham. Die Nacht von Hebron. Schau zum Himmel hinauf und zähle die Sterne (Gen 15)

Dritte Woche im Advent
Lützellinden    19. Dezember 2002


Der Text

Abraham
Das Bild









Zum Bild finden Sie auf den Seiten der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine Meditation von Walter Kasper [1] . Diese Meditation ist in der hier vorliegenden Besinnung ein weiteres Mal ausgeführt.





Liebe Gemeinde,

ich habe auch in dieser Woche ein Bild von dem Künstler Sieger Köder mitgebracht. Er hat als freiberuflicher Künstler gearbeitet, dann als Gymnasiallehrer und schließlich als katholischer Pfarrer. Heute lebt er als 77-Jähriger im Ruhestand.

Lebenslauf

Das Bild entstammt einem bestimmten Altar. Demselben, aus dem manche von Ihnen vor zwei Wochen ein anderes Bild gesehen haben. Sieger Köder hat den Altar für die Kirche seines Geburtsortes gestaltet. Der Ort heißt Wasseralfingen. Er liegt bei Aalen und Ellwangen an der Jagst im Osten Württembergs. Das Bild, das wir heute aus diesem Altar sehen, heißt Abraham. Die Nacht von Hebron.

Ich glaube, wenn Sie unsere Andachten in den beiden letzten Wochen besucht haben, dann haben Sie jetzt schon bemerkt: Die drei Bilder, die wir ausgewählt haben, haben alle etwas gemeinsam: In jeder Andacht haben wir Menschen vor dem Nachthimmel gesehen. Unter dem Sternenhimmel.

Da war Bileam: Ein Stern geht auf aus Jakob. Da waren die Weisen: Wir haben seinen Stern gesehen.

Sieger Köder:  Ein Stern geht auf aus Jakob (Num 24) — Wir haben seinen Stern gesehen (Mt 2)

Und nun steht hier Abram unter dem tiefblauen dunklen Himmel. In dem Kranz der Sterne. Unter einem hellen Stern besonders. Da kann ich sagen: Unter dem Stern Jakobs. Unter dem Stern, den die Weisen sahen. Einem Zeichen von Gott.

Nun ist Abram der Mensch des Advent. Denn das haben die drei Bilder von Mensch und Stern auch gemeinsam. All diese Menschen stehen vor Gott. Sie erwarten Gott, der kommt. Sie erwarten den Advent.

Und das betrifft sie selbst. Ihr Leben. In seiner Tiefe. Denn es geht um die Fragen: Wohin gehe ich? Was ist mein Weg? Welches ist der Weg, den Gott für mich hat? — Weil Gott kommt. Weil mich das erfasst hat. Ich kann mich nicht vorbeidrücken.

So steht Abram da. Mit offenen Händen. Den Blick nach oben. Anderes bewegt ihn jetzt nicht. Nichts anderes als der Ruf Gottes. Der ihn unter den Sternenhimmel gestellt hat. Der ihm den Weg sagt.

Er steht in der Steppe, in der er lebt. Seine Hände, sein Gesicht haben dieselbe Farbe wie diese Steppe. Der Mensch, von Erde genommen. Der Mensch in der Welt, in der er lebt. In die er hineingehört.

Das Grün seines Gewandes ist eine Brücke. Zwischen dem Braun der Steppe und dem Blau des Himmels. Es überschreitet die Grenzlinie zwischen Unten und Oben.

Dieser ganze Mensch ist eine solche Brücke. Eine solche Überschreitung. Hier kommt Gott in die Welt. Hier hat Gottes Ruf einen Menschen aufgerichtet. Aufgerichtet zum Blick auf Gottes Ziel.

Die großen, eigentlich starken Hände dieses Menschen bekommen hier in ganz neuer Weise ihre Aufgabe. Bekommen Kraft. Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein. So sagt das Wort im Jesajabuch, das heute in der biblischen Lesung steht.

Jesaja 30, 15

Unser Bild macht deutlich: Das ist überhaupt keine faule Stille. Es ist vielmehr eine Stille, die einen Menschen ganz erfasst. Eine Stille, die seinen Weg verändert. Die den Weg der Welt bestimmen kann. Denn der Weg Abrahams hat die Welt bestimmt. Und der Weg Jesajas hat das. Und der Weg Jesu.

Abram war nach den Überlieferungen ein Nomade. Er lebte in dieser Steppe mit seinen Herden. Mit seiner Sippe. Mit dem, was er sich an Menschen und Vieh erworben hatte.

Er kannte den Sternenhimmel über der Steppe. Der wird ihm geholfen haben, seinen Weg zu finden.

Der Nachthimmel, übersät von Sternen, mit dem sich stetig wandelnden Mond, der muss die Menschen immer beschäftigt haben. Es hat sie angezogen und war ihnen ein Rätsel. Wir könnten es auch bei unserem bewölktem Himmel empfinden, wenn wir unsere Welt nicht so sehr mit künstlichem Licht erfüllten. Typisch, dass wir das auch mit der Adventszeit immer mehr tun.

Mehr als wir Christen im Abendland wissen bis heute Juden und Muslime, dass wir die Einteilung der Zeit von den Himmelskörpern abgelesen haben. Dass das Auftauchen der Sterne und der Mondsichel die Festzeiten beginnen lässt.

Abram hatte Reichtum als wohlhabender Herdenbesitzer, als Sippenoberhaupt. Er konnte unter Königen auftreten. Aber was war die Existenz eines Nomaden — was war früher die Existenz eines gut gestellten Landwirts — ohne einen Erben? Es war eine Existenz ohne Ausblick. Ohne Zukunft.

Abram ist mit Gott im Gespräch. Er führt Zwiegespräch mit IHM. Die Gesprächspartner tauschen Worte aus, hin und her. ER sagt dem Abram großen Lohn zu. Großen Anteil an den Menschen, am Vieh, an den Gütern. Gott selbst ist ihm in allem Schild. Aber Abram sagt sein Problem: Sarai und er haben doch keinerlei Nachkommenschaft. Er muss all seinen Besitz seinem Hausverwalter vererben. Den muss er zum Sohn annehmen.

Gott widerspricht. Sein leiblicher Nachkomme wird der Erbe sein. Gott hat dem Abram schon gesagt, dass er ein großes Volk wird. Ein großer Name. Ein Segen. Dass in ihm alle Völker der Welt gesegnet sind.

Was hat Abram als Anhalt? Als Hilfe, sich auf eine solche Zusage einzulassen?

Er hat nur die Sterne. Wie Bileam. Wie die Weisen. Gott führt ihn heraus und lässt ihn zum Nachthimmel schauen. Kann Abram die Sterne zählen? So zahlreich sollen seine Nachkommen sein.

Sieger Köder hat Abraham schon als Vater Israels dargestellt. Das Tuch auf Abrahams Kopf ist der jüdische Gebetsmantel. Aber Abram kann nicht wissen, was das ist: Vater Israels. Er kann nicht wissen, dass auch arabische Stämme, dass auch weitere Völker um Israel ihn als ihren Vater ansehen. Abram kann nicht wissen, dass einmal Paulus einen Brief schreibt an Gemeinschaften in einem so fernen Volk der Galater. Einen Brief, der weiter verkündet und gepredigt wird bis zu dir. Bis nach Lützellinden. Der dir sagt — der euch sagt —: Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder — und nach der Verheißung Erben.

Im Advent und im Christfest nimmst du es an: Durch den Messias Jesus gehöre ich zu Abrahams Kindern. Bin ich Teil des Segens. Bin ich ein Erbe aller Gaben Gottes. In dem Christus Jesus ist hier nicht Jude oder Grieche, nicht Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau. In ihm sind wir Söhne und Töchter dieses Menschen Abraham.

Galater 4, 28-29

Der Gott hört. Der mit ihm spricht. Der nichts hat als die Vielzahl der Sterne. Der sich auf Gottes Weg einlässt. Der sich einstellt auf Gottes Kommen. Auf Gottes Zukunft und das, wofür Gott ihn vorsieht.

Gott achtet das als Gemeinschaft Abrahams mit ihm. Abraham ist ein Gerechter. Er ist sogar ein Freund Gottes.

Gott hat hier noch zu Beginn das Mittel eines Gesichts gewählt, einer besonderen Schau, um sich an Abram zu wenden. ER wird aber auch noch zu ihm kommen als ganz gewöhnlicher Besucher und Gast. Auch nach unserem Abschnitt muss ER ja mit seinem Gesicht und Wort zuerst zu Abram nach Hause gekommen sein. Ins Zelt. Sonst würde ER ihn ja nicht danach hinausführen. So lässt Gott sich auf einen Menschen ein. Auf seine Lebenssituation und seinen Alltag. Und spricht mit ihm, wie ein Mann mit seinem Freund redet. So erniedrigt sich das Wort. So nimmt es Fleisch an.

So will sich der Geist in dein Leben mischen. So sollen so unzuverlässige Gestalten, wie wir es sind, durch Wort und Geist und Adventserwartung Segen sein.

Da sehen wir Abraham stehen. Zwischen Steppe und Himmel. Zwischen Alltagswelt und Gott. Man kann sich streiten, ob ein altes, bärtiges Gesicht eine Schönheit ist. Aber das Licht des Sterns fällt auf ihn. Etwas von Gottes Herrlichkeit. In ihm ist etwas vom Licht in die Nacht gefallen.

Weil Gott in dieser Welt Menschen erwählt, ist in allen menschlichen Gesichtern der Glanz seiner Ebenbildlichkeit. Er ist auf diesem großen Herdenbesitzer, der doch nichts hat als den Anblick der Sterne. Er ist auch auf Kranken und Schwachen. Auch auf Verzweifelten, die nach den letzten Strohhalmen greifen. Auch auf denen, die in den Tagen vor Weihnachten aus den unterschiedlichsten Umständen aus Deutschland abgeschoben werden. Oder noch danach abgeschoben werden sollen. Auf denen, die von drohendem Krieg betroffen sind. Von der AIDS-Epidemie. Die kein sauberes Wasser haben, keine Chance auf ein langes Leben, keine Hoffnung auf die Entwicklung ihrer Kinder.

Das Bild von Abraham zeigt uns etwas vom Geheimnis des Menschen, das an das Geheimnis Gottes rührt. Vom Geheimnis Gottes, das die Menschenwelt nicht allein lässt. Und das erwarten wir auch im Advent.

Amen.





[1]

W. Kasper

Kardinal Walter Kasper, geboren 1933 in Heidenheim/Brenz, lehrte von 1964-1970 in Münster und von 1970-1989 in Tübingen (auch Ute) Theologie. Von 1989-2000 war er Bischof der genannten Diözese und ist heute am Heiligen Stuhl im Vatikan Vorsitzender des Sekretariats für die Einheit der Christen.

Texte von Walter Kasper zum christlich-jüdischen Gespräch

auf der Seite des Boston College, Chestnut Hill MA. [1]



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