Abraham
Evangelische Kirche im Rheinland

Segen


Wort zum Sonntag

Gießener Allgemeine Zeitung, 18. August 2001

   

Die nachstehende Besinnung bearbeitet Anliegen und Aussagen des
Briefes zum 10. Sonntag nach Trinitatis
von Präses Manfred Kock vom 3. Juli 2001 für die Leserinnen und Leser der
Gießener Allgemeinen Zeitung.





Die Situation ist verzweifelt. Die Nachrichten aus Israel und Palästina machen fassungslos am Fernsehbildschirm. Dass Menschen unter Geringschätzung des eigenen Lebens Familien und Kinder in den Tod reißen, ist unvorstellbar. Dass Treffen von jungen Leute und Ausflüglern in ihrer Freizeit das Ziel von grausamen Anschlägen werden, ist unbegreiflich. Terror und Mord mit all seinen Folgen scheinen die Hoffnung auf den so lang notwendigen Frieden und gerechten Ausgleich zunichte zu machen. Kräfte, die zäh für den Frieden gearbeitet haben, sind in der Gefahr, aufzugeben. Politische Bemühungen stehen still.

In evangelischen Gemeinden ist morgen „Israelsonntag”. Christliche Gemeinden wissen, dass Gott Abraham zusagte: Segnen will ich, die dich segnen, die dich lästern, verfluche ich (1. Mose / Genesis 12, 3). Weil sie dazu stehen, dass Gott Israel treu ist, können sie Israel gegenüber nicht wieder unsolidarisch werden. Segen über unserem Tun und Lassen gibt es nicht ohne unsere Segenswünsche, nicht ohne unsere Solidarität gegenüber Israel. So sieht es die Bibel, die unsere Gottesdienste auslegen. Diese Solidarität bewährt sich heute darin, alle Betroffenen auf allen Seiten des Konflikts, die auf Ausgleich setzen und um Frieden ringen, nachdrücklich zu unterstützen. Gebete, Briefe, persönliche Begegnungen und materielle Hilfe können solche Unterstützung sein — für Juden, Christen und Muslime, für Einzelne und Gruppen. Die Verstärkung von Kontakten mit Israel und mit Palästina, Begegnungen der Gruppen und Glaubensgemeinschaften unter uns, Informationen, die ein möglichst faires Bild entwickeln, gehören dazu. Auf den Vater des Glaubens, Abraham, berufen sich mit Israel auch Christen und Muslime. Sie hoffen auf den Segen, der ihm zugesagt ist. Sie können vor der Wirklichkeit des Fluches nicht die Augen verschließen. Auch der Versuch, unbearbeitete Vergangenheit zu verdrängen, wird sich immer wieder rächen.

Jeder, der einen Friedensbeitrag geben möchte, wird allerdings nach seinem eigenen Leben gefragt. Abraham hat sich mit seinem Weg ganz auf den Segen verlassen. Er konnte so neue Wegstrecken einschlagen. Das Vertrauen auf Gott gab ihm Mut für seine offene Zukunft. Ebenso wie im Nahen Osten ist auch in unserer Gesellschaft ungewiss, wie wir unser Leben und Zusammenleben angesichts neuer Fragen gestalten. Wir brauchen einen neuen Glauben an den Segen Gottes und eine Wachsamkeit für die Orientierungen, die uns seit Gottes Bund mit Abraham gegeben sind. Keiner kann diesen Glauben von einem anderen fordern. Aber jedem kann für sich aufgehen: Mein eigenes Leben gehört doch Gott! Was ich tue und lasse — wie ich mit allen anderen lebe, das kann ihn ehren. Das kann auf den zugesagten Segen hoffen.

Horst Kannemann, Pfarrer
Evangelische Kirchengemeinde Lützellinden


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