Jesus


Predigt zu Johannes 19, 16-30

Karfreitag
Lützellinden    28. März 1997



Der Text


Chagall

Das Bild

Le sacrifice d'Isaac von Marc Chagall

(Mark Zakharovich Shagal, 7. Juli 1887 Vitebsk, jetzt Viciebsk - 28. März 1985 Saint-Paul-de-Vence)

im Musée nationale Message biblique Marc Chagall, Nice



Ein Ausschnitt  mit einem Text von Tawfik Saiad, Nazareth, bearbeitet von Rudi Witzke, Lübeck, auf Marlou Lessings Seite Platt partu. De Welt un Gott




Liebe Gemeinde,

in Nizza, in Südfrankreich, gibt es ein Museum, das für einen ganz bestimmten Zyklus, eine ganz begrenzte, zusammengehörige Zahl von Kunstwerken errichtet worden ist: Das Nationalmuseum Biblische Botschaft mit 23 Werken des jüdischen Künstlers Marc Chagall. Darunter ist ein Ölbild, das die Fesselung Isaaks zeigt. Der nackte Knabe liegt ergeben, hingestreckt, nicht gefesselt, auf einem Stoß von Holzscheiten. Neben seinem Leib der Oberkörper des alten, bärtigen Abraham, der hinter diesem Altar steht, mit dem gezückten Messer in der Hand. Die Messerklinge ebenso wie der Blick Abrahams sind nach oben gerichtet, zu einem Engel, der dem Abraham entgegenkommt. Abraham empfängt schon das Wort Gottes zu dem, was er zu tun hat. In Gelb und Rot ist die Szene eingefärbt, wie von einem Feuer beschienen. Das Rot aber führt als breite Blutspur von der Szene in den Hintergrund hinein, in die Geschichte. Und da hinten, wo es dunkel geworden ist, trägt einer, weit vorgebeugt, ein Kreuz durch diese Spur. Frauen sind um ihn, bewegt, Frauen, die vielleicht den Mann mit dem Kreuz begrüßen oder beklagen, auch eine Mutter mit einem Kind, auch ein Frommer mit Hut und der Torarolle im Arm.

Hilft uns nicht dieses Bild, ebenso wie die Musik in diesem Gottesdienst, den Karfreitag zu verstehen? Auch das Geschehen der Kreuzigung Jesu nach dem Evangelisten Johannes zu verstehen, so wie wir es gehört haben?

Laufen da nicht viele biblische Spuren zusammen? Von der Bindung Isaaks? Vom Passalamm, dessen Blut vor dem Zorn Gottes verschont? Von den Menschen der Psalmen, die ungerecht leiden und doch zu Gott rufen? Von dem Gottesknecht des Jesajabuches, von dem wir auch gehört haben, der von Gott geschlagen und gemartert ist? Und ebenso die blutige Spur der menschlichen Geschichte. Sie verläuft — leider — auch durch die christliche Geschichte.

Pilatus überantwortete [...] ihnen Jesus, daß er gekreuzigt würde. In diesem ersten Satz steckt das Urteil. Pilatus liefert Jesus aus und gibt ihn ab. In gewissem Sinn gleichzeitig

an die Hohenpriester und ihre Diener, die Jesus angeklagt haben,

und an das zuständige Exekutionskommando, das ausführende Organ des Pilatus, das nun zur Tat zu schreiten hat.

Und im letzten Satz gibt Jesus sein Leben ab. Er liefert seinen Geist aus, wie man es strikt wörtlich auch sagen kann. An Gott, der trotz allem, in und nach dieser furchtbaren Szene, zuständig ist. Der doch immer noch mehr zu sagen hat als Pilatus und die Priesterelite, die sich mit der römischen Macht zusammengetan hat.

Jesus trägt für sich selbst sein Kreuz. Dieser Evangelist Johannes lässt keinen Simon von Kyrene heran. So wie Isaak das Holz für seine Opferung auf seinem Rücken den Berg hinaufträgt, so trägt Jesus sein Marterwerkzeug seinen Hinrichtungshügel hinauf. Der Berg des Isaak wird dann heißen Der HERR sieht. Und so vertraut Jesus dort, wo alles am Ende ist, darauf, dass Gott ihn sieht.

Jesus, der gesagt hat: Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach, geht jetzt voran. Er geht diesen Weg gehorsam, in der Anfechtung einer grausamen Hinrichtung, in der Anfechtung eines unwürdigen und unreinen Fluchtods — und doch auf diesem Weg noch geborgen. Er geht den Weg geborgen bei Gott — und weicht deshalb doch dem Gehorsam und dem Unerträglichen nicht aus. Wenn Sie gestern abend im Gottesdienst waren, haben Sie gehört: Er liebte die Seinen bis ans Ende. Er vollendete seine Liebe. Deshalb nahm er beim Passamahl die Rolle des Sklaven ein und wusch ihnen die Füße. Deshalb trägt er nun seinen Kreuzbalken zum eigenen Schmachtod.

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste [...] geplagt und von Gott geschlagen und gemartert — und ist doch darin der Knecht Gottes. Er hatte keine Gestalt und Hoheit — er trägt sein Hinrichtungsinstrument. Keiner der Evangelisten beschreibt uns, wie das Kreuz aussah. In der griechischen Sprache der Evangelien muss es eigentlich nicht gekreuzt sein, aus zwei Balken, wie in unserer deutschen Sprache. Es ist ursprünglich nur ein Pfahl. Aber es war wohl bei der Hinrichtung oben ein Querbalken angebracht für die Arme des Verurteilten. Es könnte ja auch sein, dass die Pfähle schon auf dem Hügel fest eingerammt waren, der Schädel heißt, und die Verurteilten haben nur den Querbalken hinaufgetragen.

Keiner der Evangelisten beschreibt, wie die Kreuzigung vor sich geht. Sie alle haben nur die drei Worte Sie kreuzigten ihn. Alle ersparen uns, was das für den Menschen, für Jesus bedeutet. Keiner schildert die Brutalität. Vielleicht war es auch bekannt genug. Keiner spricht von den Nägeln. Erst bei der Erscheinung des Auferstandenen erwähnen sie die Wunden an den Händen — oder im Bereich der Hände.

Bis ins fünfte Jahrhundert hinein kennen wir in der christlichen Kunst kein Bild von Christus am Kreuz. Jahrhundertelang scheinen Christen das nicht dargestellt zu haben. Vielleicht war es in Wort und Lied schrecklich genug. Außerdem hängt man sich kein Bild von einem Mann am Galgen ins Zimmer — solange Galgen noch in Gebrauch sind und jeder fast hautnah weiß, was ein Galgen ist. Außerdem ist ein Galgen für die meisten Menschen ein Anlass, auf den zu spucken, der daran hängt, und die zu verspotten, die so einen wichtig finden.

Jesus ist in der Mitte gekreuzigt — zwischen zwei anderen. Johannes sagt nichts darüber, wer die beiden andern sind. Kein Urteil über sie gibt er weiter. Keine abwertende, keine diskriminierende Bezeichnung fällt. Ist Jesus als Besonderer angesehen, weil er in der Mitte angenagelt wird? Verhöhnt man ihn mit diesem makabren Ehrenplatz?

Bei Jesus lässt Pilatus eine Aufschrift anbringen und erklärt sich auch persönlich voll verantwortlich für die Aufschrift. Sie enthält den Anklagegrund und das Urteil: Jesus der Nazoräer, der König der Juden. Jesus wird also aus Anlass seiner Hinrichtung amtlich, von der römischen Militärmacht, zum König der Juden erklärt, zum Messias. Pilatus will alle abschrecken und warnen, die sich Hoffnungen auf die Messiaswürde machen. Er will alle empfindlich treffen, die auf einen Messias hoffen und auf ein anderes Reich als das römische: So wird es mit euch gehen. Und er sagt zugleich all denen auch: So seht ihr aus. Da. Schaut ihn euch an. Das ist der König der Juden. Pilatus hat sich ja schon an Jesu Ausstaffierung als Spottkönig beteiligt. Zumindest, indem er ihn öffentlich vorgeführt hat im Purpurmantel und mit der Dornenkrone, und dann auf ihn gezeigt hat: Seht, was für ein Mensch! Jetzt führt er mit seiner Inschrift wieder den Judenkönig vor: Schaut, was das für einer ist! Kein Wunder, dass jetzt auch die Hohenpriester gegen Pilatus protestieren. Pilatus weiß, dass er den jüdischen Glauben mit seinen Messias-Inszenierungen verletzt und verhöhnt, auch wenn er womöglich nicht viel versteht von Reinheit und Unreinheit und einem Fluchtod. Er weiss auch so, dass er verhöhnt und Hoffnungen trifft und will es auch so. Seine Inschrift über dem Kreuz ist eine antijüdische Handlung, ein antisemitischer Akt.

Für den Evangelisten ist Jesus der Messias. Der Messias Israels, der Christus, der König. Und er ist noch mehr. Zu Nathanael, einem wahren Israeliten, sagte Jesus: Du wirst noch Größeres als das sehen [...] Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. Dem Johannes ist wichtig, dass die Tafel dreisprachig ist, auf aramäisch, lateinisch und griechisch. Er berichtet das als einziger Evangelist. Alle können es also lesen. In der Volkssprache, in der Amtssprache und in der Handels- und Verkehrssprache. Es geht alle an. Auch die Völker rings um Israel. Von hier aus erfahren sie es: Dies ist der König Israels. Von hier aus geht es hinaus in alle Welt. Und alle Welt erfährt hier auch umgekehrt: Der Versöhner der Welt, der erwartete und kommende Erlöser, der ist der Messias des Gottesvolkes Israel. Ohne den Gott Israels und die Schrift kann man ihn nicht haben. Nicht ohne den gebundenen Isaak. Nicht ohne das Passalamm. Nicht ohne die Verfolgten der Psalmen, die ungerecht leiden wie so viele zu allen Zeiten. Nicht ohne den Gottesknecht, der sein Leben in den Tod gegeben hat. Er war es doch, der die Heiden entsetzt und erstaunt und vor dem Könige sich auf den Mund schlagen. Er schafft den Vielen Gerechtigkeit; denn er trägt   i h r e   S ü n d e n. Wer Israel schlägt, schlägt nach christlicher Überzeugung auch seinen Messias. Wer Israel vergisst, wie will der noch den Christus verstehen?

Zu den ältesten Bildern von der Kreuzigung Jesu in unserem Land gehören die Kruzifixe in romanischen Kirchen. Der Leib Christi ist langgestreckt und gerade. Man wusste vielleicht einen Toten nicht anders darzustellen. Wenn Christus schon gestorben sein soll, ist sein Kopf ganz leicht nach rechts geneigt. Auf all diesen Darstellungen trägt er keine Dornenkrone. Auf manchen hat er statt dessen die Kaiserkrone auf. Er ist der König, der vom Kreuz regiert. Irgendwann haben Christen sogar einmal den Text der Psalmen gefälscht. Bei dem Satz Der HERR ist König geworden fügten sie hinzu: und regiert vom Holz.

Johannes erzählt uns vom König am Kreuz. Die strenge, ausdrucksstarke Würde der romanischen Christusbilder findet sich in seinem Kreuzigungsdrama. Jesus sprach: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Aber manche der schönen Kreuze hängen in Kirchen, die nur errichtet werden konnten, weil man vorher Völker mit Gewalt und unter blutigem Gemetzel in das eigene Königreich und in den eigenen christlichen Glauben gezwungen hat. — Was ist da nicht in Ordnung? Was hat man da vergessen?

Wir selber sind ja nicht in der Position, dass wir über Christen vergangener Zeiten urteilen könnten. Wir stellen ja solche Fragen nur, weil wir Wege für unsere Zeit brauchen. Wie kann christliche Mission unter den Menschen heute aussehen? Und christlicher Dienst? Und überzeugender Unterricht und Jugendarbeit? Und unser Zusammenleben und unser Umgang miteinander in diesem Dorf? Auch mit denen, die sehr wenig glauben? Oder anderes glauben?

Der Glaube an Christus, den König, ist Glaube der Evangelien. Aber die Evangelisten gehen mit diesem Glauben sehr vorsichtig um. Der Glaube meines Lieblingschorals Jesus Christus herrscht als König ist eine Gratwanderung. Und wir sind oft vom Grat heruntergefallen. Sehr oft waren wir zu kleingläubig. Aber eben auch durch eine ganze christliche Geschichte hindurch menschlich-großspurig, brutal-triumphalistisch.

Der Glaube an den Christkönig übersieht so leicht, unter welchen Umständen und Bedingungen uns Johannes diesen amtlichen Titel am Kreuz vorstellt. Wie leicht übergehen wir das! Wir vergessen, dass wir einem König folgen, der gehorsam für andere den Weg ans Hinrichtungskreuz gegangen ist. Wer mein Jünger und meine Jüngerin sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Und wir vergessen, dass wir einen König anrufen, der kommt. Wir erwarten seine Herrlichkeit. Es ist vollbracht, das heißt: Sein liebender Weg ist vollbracht bis ans Ende. Gott hat ihn vollbracht. Der Weg Isaaks auf den Berg ist vollbracht. Das Blut der Passalämmer, die zur Todesstunde Jesu auf dem Tempelplatz geschlachtet werden, ist mit dem Ysopbusch an die Türpfosten gestrichen. Es verschont uns vor dem Zorn Gottes. Das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, tat seinen Mund nicht auf. Und der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Die Versöhnung für die Sünden Israels und der Völker ist vollbracht. Es gibt einen neuen Weg in dieser Welt, auf dem man Jesus folgen kann. Einen Weg der Freiheit und des Vertrauens auf die vollbrachte Versöhnung.

Aber Es ist vollbracht! heißt auch: das Reich Gottes ist noch nicht vollendet in Kraft und Herrlichkeit. Es heißt im Choral: Alles   w i r d   ihm untertänig. Wir haben am Dienstag in der Bibelstunde im Gemeinschaftshaus über den langen Abschnitt aus dem Jesajabuch gesprochen und gefragt: Leben wir Christen eigentlich noch vor der Erhöhung des zerschlagenen Gottesknechts oder schon danach? Nur beide Antworten zusammen sind richtig. Auf den Irrweg führt es für den christlichen Glauben, eine wegzulassen. Christus hat am Kreuz seinen Dienst vollbracht. Er ist als Anbeginn der neuen Schöpfung in Herrlichkeit auferweckt. Aber wir erwarten sein Kommen in Kraft und die Vollendung der Welt. Und wir können auf dem Weg dahin Kirche und Gemeinde nicht mit dem Reich Gottes verwechseln. Wir können den gekreuzigten Herrn nicht mit dem Gott unserer Wünsche vertauschen. Mit Gott für König und Vaterland ist vorbei. Mit Gott für das christliche Abendland — gegen Türken und Heiden kann es doch nicht mehr geben. Das hätte es doch in der Nachfolge des Gekreuzigten nie geben dürfen. Wir können das Zeugnis von dem Herrn, der die Schuld überwunden hat, nur mit Wort und Dienst zu den Menschen bringen.

Da sind Szenen im Angesicht des Gekreuzigten. Sie sagen wie Menschen leben können. Menschen, für die Jesus die Liebe vollbracht hat:

Auf der einen Seite sind die vier Soldaten, vielleicht mit einem Hauptmann dazu. Sie entmenschlichen den am Kreuz. Sie haben ihm seine Kleider genommen. Sie entwürdigen ihn damit. Dann teilen sie seine Kleider auf, so wie es schon im Psalm steht. Sie verteilen vor den Augen dessen, der noch lebt, seine allerletzte noch verbliebene Hinterlassenschaft. Damit demütigen sie ihn noch mal.

Das Untergewand allerdings bleibt ganz, weil es in einem Stück gewebt ist. Darum würfeln sie. Es bleibt unzerteilt. Es war ein schöner Gedanke späterer Zeiten, dass der unzerteilte Rock Jesu die Einheit seiner Kirche darstellt. Das römische Reich hat diese Einheit nicht zerteilt. Das hat die Christenheit selbst getan. In Trier wird ja ein eineinhalb Jahrtausende altes Gewand in Erinnerung an Jesu Rock aufbewahrt. Gut, dass das Wissen um Jesus Christus nun auch geholfen hat zur Gemeinschaft der Kirchen, als sich bei diesem Rock vergangenes Jahr die getrennten Kirchen begegnet sind.

Die andere Gruppe im Angesicht des Gekreuzigten sind vier Frauen mit dem Lieblingsjünger Jesu dazu. Sie dürfen bei Johannes so nah heran. Sie müssen nicht nur von Ferne zusehen. Die Schilderung allerdings, was es für Jesu Mutter bedeutet, hier zu stehen, wie sie das überhaupt kann, die hat uns der Evangelist wieder erspart. Das können wir selbst wissen — wenn wir uns auf dieses Geschehen einlassen. Wie diese Menschen, die am Kreuz stehen, weil sie zu Jesus gehören. Jesus sieht sie an. Er vollendet seine Liebe, indem er in diesem Augenblick unter ihnen Gemeinschaft stiftet. Die Mutter Jesu kam bei der Hochzeit zu Kana im Evangelium vor. Der Lieblingsjünger bei Jesu letztem Mahl. Nun stehen sie beide hier am Kreuz Jesu. Nun gehören sie zusammen, weil es Jesu Wille ist. Sogar sein letzter Wille. Seine letztwillige Verfügung. Sein Werk, das buchstäblich von diesem Kreuz ausgeht. Sein Werk, das weiter geht, wenn er alles vollbracht hat. Ja, es beginnt dann erst. Frau, siehe, das ist dein Sohn. — Siehe, das ist deine Mutter. Eine Gemeinschaft von Menschen, die einen Halt finden, wenn Jesus Abschied genommen hat — auch einen menschlichen Halt. Ja, deren menschliche Gemeinschaft erst in diesem Sterben Jesu begründet ist. Die Familie Jesu. Wir wissen nichts darüber, wie oft sich diese beiden vorher begegnet sind. Wie ihre Beziehung war. Wir wissen nur, dass sie vom Kreuz Jesu her gestiftet und dass sie sein Wille ist.

Geht es wirklich nur um zwei Menschen? Will der Evangelist nicht mehr sagen? Es sind zwei verschiedene Generationen. Ein älterer und ein jüngerer Mensch. Sie sind durch Jesu Versöhnungswerk aneinander gewiesen. Es sind eine Frau und ein Mann. Sie gehören in Jesu Familie zueinander. Man hat sich gefragt, ob Jesus und der Evangelist nicht auch verschiedene Gemeinschaften aneinander verweisen. Weist er Israel auf die Kirche Jesu hin? Und die Kirche Jesu auf ihre Mutter Israel? Und verschiedene Gruppen in der Kirche aneinander?

Wir stehen heute bei Jesu Kreuz und hören seine Stimme: Siehe, dein Sohn. — Siehe, deine Mutter. — Siehe, deine Tochter. — Siehe, dein Vater. — Siehe, deine Schwester. — Siehe, dein Bruder. — Siehe, dein Nächsterdeine Nächste. Wir leben sein Vermächtnis, indem wir ansehen, die er ansieht.

Jesus hatte mit seiner Mutter wie mit seinem Lieblingsjünger gegessen und getrunken. Und ebenso mit vielen anderen. Im Johannes-Evangelium sagt er seinen Jüngern: Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat. Und: Soll ich den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, nicht trinken. Nachdem er seine Mutter und den Lieblingsjünger angesehen, ihre neue Familie gestiftet hat, weiß er, dass schon alles vollbracht ist. Er erfüllt noch einmal die Schrift und trinkt sauren Essig von einem Ysopstengel. Der gehört in den Passatext, an den man jetzt gerade auf dem Tempelplatz denkt. Dann spricht er es aus: Es ist vollbracht! und neigt sein Haupt und stirbt.

Für uns endet hier der Karfreitagstext. Für uns ist es gut, dieses Ende am Karfreitag und Karsamstag auszuhalten.

Jesus selbst sagt: Dieses Ende ist das Ziel. Vollbracht heißt: am Ziel.

Aber auf dem Tempelplatz erschallen Posaunen. An diesem Tag wird der große Lobgesang des Passa angestimmt. Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all. Unser Choral ist daraus entnommen. Und währet bis in Ewigkeit, heißt es da. Im Passalobgesang singt man: Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des HERRN Werke verkündigen.

Im Lied vom leidenden Gottesknecht stehen noch ganze Sätze aus: Er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. [...] Er wird Nachkommen haben und in die Länge leben. Und am Anfang und am Schluss steht: Es wird ihm gelingen. Des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

Im Psalm aus unserem Gottesdiensteingang muss noch kommen: Dich will ich preisen in der großen Gemeinde. [...] Des Herrn ist das Reich [...] Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen [...] Denn er hats getan.

Und der Weg Isaaks zu seiner Bindung schreit nach der Antwort Gottes. Der Blick Abrahams ist auf Chagalls Bild schon nach oben gerichtet. Gott muss hier eingreifen.

Vom Karfreitag aus gehen wir der Vollendung erst entgegen.

Amen.




Literatur:

Rudolf Schnackenburg: Das Johannesevangelium III. Teil. Kommentar zu Kap. 13-21. 4. A. 1982

Bertold Klappert: Karfreitag: Johannes 19,16-30, in: Predigen in Israels Gegenwart 3. Predigtmeditationen im Horizont des christlich-jüdischen Gesprächs, hg. im Auftrag der Studienkommission »Kirche und Judentum« der Evangelischen Kirche in Deutschland von Arnulf H. Baumann und Ulrich Schwemer. 1990, 73-87

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