Jesus

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Andacht zu Markus 12, 28-34


Ökumenischer Religionslehrertag „Ein Islam — viele Muslime”
Wetzlar-Niedergirmes    14. Oktober 1997

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zwei Kenner der Schrift tauschen sich aus. Ein Fachgespräch unter zwei jüdischen Männern, die derselben Schrift folgen. Einer hatte auf dem Tempelplatz mitgehört, wie der andere, der Rabbi Jesus, befragt wurde. Der hatte klug geantwortet. Mit absichtsvollen Fragen war er nicht aufs Kreuz zu legen.

Und seine Antworten waren dabei klar und befreiend. Wir könnten ja den Zusammenhang im Markusevangelium bedenken, den ich jetzt nicht referieren will. Wir würden merken: Die Antworten machten Gott, den Herrn, groß als den Gott des Lebens. Ihm kann man folgen in Klarheit und Entschiedenheit. Solche Antworten schließen unverhofft den Weg zum Leben auf. Da liegt der alte Weg mit Gott wieder neu da. Ganz unterschiedliche Menschen können ihn gehen.

Wenn Jesus spricht, ist viel Störendes weggeräumt und beiseite gelassen. Das geht uns auch heute so. Fragen fallen hin, die immer zwischen streitenden jüdischen Gruppen standen oder die zwischen den christlichen Konfessionen stehen. Oder, was uns heute oft mehr beschäftigt, die zwischen den Gruppen und Flügeln in allen Konfessionen stehen. Fragen, die man benutzt, um einen anderen zu fangen. Parteiendenken, das lebenswichtige Fragen für sich, zugunsten des eigenen Lagers benutzen will. Das ist überwunden — wenn Jesus darauf hinweist, wer Gott ist.

So tritt dieser Schriftgelehrte an den Kollegen Jesus, zu dem er Lehrer sagt, heran. Er stellt dem, dessen Botschaft bestimmt ist von der Perspektive des Reiches Gottes, keine Fangfrage. Er will lernen von seinen Antworten, die das Leben aufschließen. Es ist nicht zufällig, dass es gleich um die Worte geht, die wir als das jüdische Glaubensbekenntnis kennen. Denn dieser Fragensteller will nicht irgendein Detailproblem diskutieren. Er fragt: Gibt es eine Richtung für alle Detailprobleme? Er fragt: Welches ist das erste Gebot von allen? Und ein Gebot, das ist dabei keine von vielen Vorschriften, an die man denken muss, wenn man kein Bußgeld bekommen will. Ein Gebot ist eine Weisung zum Leben. Welches also ist die grundlegende Lebensweisung?

Was hätten Sie geantwortet?

Was würde eine Schulklasse antworten? Bei uns fällt gewöhnlich das Stichwort: Die zehn Gebote. Auch wenn es sich gezeigt hat, dass Gäste in Fernseh-Talkshows sie nicht mehr vollständig zusammenbekommen. Vielleicht haben Sie auch mal für den Unterricht gelesen, dass Rabbi Simlai 200 Jahre nach unseren beiden Diskutierenden gezählt hat. Er kam auf 365 Verbote und 248 Gebote. Alle aus dem Pentateuch, den ersten fünf Büchern der Bibel. Vermutlich haben unsere beiden Fachleute die alle gekannt.

Aber die Frage ist noch offen: Was würden Sie antworten? Nicht nach dem Katechismus oder dem Lehrplan, sondern nach dem Leben: Gibt es eine grundlegende Lebensweisung? Die eine verläßliche Wahrheit? Den Kern aller hilfreichen Erfahrung? Das Ziel für die Lebensgestaltung, das es wert ist? Das Ziel für mich selbst? Das dann schon auch seine Auswirkungen für meinen Unterricht hat.

Solche Fragen werden bei uns kaum auf öffentlichen Plätzen diskutiert. Selbst in kirchlichen Gemeindehäusern werden sie nur in Sternstunden im Gespräch offen angeschnitten. Da muss ich fast sagen, dass es in den kleinen, versteckten Winkelchen, in denen Christen und Muslime miteinander reden, schneller zur Sache kommt. Vor einem Monat waren einige, die heute hier sind, darunter auch Pfarrer Hollatz und ich, auf einem Grillplatz bei einer solchen Begegnung zusammen — und erlebten theologische Fragen auf dem Grillplatz. Gewiss dienen auch dort die Fragen nicht gleich der offenen, tiefen Suche nach der einen Lebensweisung. Die theologischen Fragen wollten niemanden fangen, aber sicherlich abtasten. Auf den Zahn fühlen, was die anderen vertreten. Aber auch ich als Pfarrer werde sonst nicht jeden Tag direkt gefragt: Habt ihr Christen ein verbindliches Glaubensbekenntnis? Gibt es für euch Gebote, die ihr für euer Leben einfach achten müsst? Glaubt ihr an den Himmel und die Hölle? An die Auferstehung? Und glaubt ihr, dass bestimmte Menschen ganz sicher in die Hölle kommen?

Ich kann auch erzählen von der Christlich-Islamischen Gesellschaft Gießen. Sie hat vergangenes Jahr erstmals eine kleine Adventsfeier für Christen und Muslime gestaltet und will das in diesem Jahr wieder tun. Als ich letztes Jahr davon nach Haus fuhr, ist mir aufgefallen, dass ich vielleicht noch nie bei einer Adventsfeier war, bei der bei Tisch danach gefragt und nachgebohrt wurde, was denn Advent und Weihnachten sein kann. Was es mit Jesus Christus auf sich haben kann.

Zur Begegnung zwischen Menschen, denen es um Antworten auf Glaubensfragen geht, gehören die Fragen, was der andere vertritt, wofür er steht. Im Gespräch will ich den andern kennenlernen. Ich suche seine Identität. Wir haben in Deutschland nahezu kaum eine Erfahrung mit dem Gespräch der Religionen untereinander. Durch unsere Köpfe geistert das Missverständnis, Dialog zwischen den Religionen heiße: Ich gebe den eigenen Glauben auf zugunsten einer völligen Relativierung der Wahrheit. Es sollte das Gegenteil wahr sein: Zum Dialog muss ich mir sogar besser klar werden über meinen eigenen Glauben. Es kann sein, dass die Auseinandersetzung mit dem Glauben des anderen mich zurückwirft auf die Frage: Was macht eigentlich meinen eigenen Glauben aus? Worin werden wir uns einig? Worin unterscheiden wir uns wirklich?

Vielleicht ist unser Missverständnis ein Erbe des 18. Jahrhunderts. Wir kennen Lessing, der mit seiner Ringparabel aus Nathan der Weise eine starke Lanze für die Toleranz gebrochen hat. Er hat eindrücklich deutlich gemacht, wieviel stärker der faire Wettstreit ist als jede Rechthaberei, der Wettstreit, der die Antwort auf die Wahrheitsfrage Gott am Ziel überlässt. Dieser Gedanke vom Wetteifer steht schon im Koran und hat für das praktische Verhältnis der Religionen zueinander viel Weisheit [1].

Aber ein Jahr nach Nathan der Weise hat Lessing die Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts veröffentlicht. Vielleicht wird dort klar, was Lessing selbst unter Toleranz verstand: Er sagt, die Menschheit war einmal Kind. Und ein Volk, das so roh, so ungeschickt zu abgezognen Gedanken war [2], das israelitische Volk, hatte ein Elementarbuch, das Alte Testament. Das war eine Weile lang gut. Aber dann heißt es: Ein beßrer Pädagog muß kommen, und dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen. — Christus kam [3]. Seine Lehre von der Unsterblichkeit der Seele gewann Einfluss auf die Menschen. Aber es kann auch dabei nicht bleiben. Sie wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung, da dem Menschen sein Verstand genügt, da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist [4]. Die Erziehung des Menschengeschlechts verläuft also in drei Stufen: Jude — Christ — und aufgeklärter Mensch. Muslime kann man hier weglassen. Und jede Stufe sagt sich völlig von der vorherigen los. Juden kann man lang vergessen. Auch der Christ ist inzwischen überholt [5].

Es ist das Modell, das wir gern in den Köpfen haben: Die Toleranz hat alle Glaubensidentität hinter sich gelassen. Sie kennt keine eigene Bindung an Gott. In Wirklichkeit aber haben wir als Christen und Christinnen heute immer noch eine ganz andere Aufgabe vor uns: nämlich Toleranz zum Ausdruck zu bringen und zu leben, die die Identität nicht aufhebt, sondern wahrnimmt. Die sie in der Begegnung achtet. Toleranz, die ihre eigene Identität einzubringen weiß in den friedlichen Wettstreit.

Ich habe jetzt über die Begegnung und das Gespräch geredet durch das Gespräch der beiden auf dem Tempelplatz. Muss man nicht sagen, was das Erstaunliche an diesem Gespräch ist? Der Schriftgelehrte, von dem wir keinen Namen wissen, und Jesus werden sich einig. Sie finden zusammen. Haben Sie schon mal bedacht, dass es in der Bibel nicht in jeder Geschichte um Glaubenskampf geht? Nicht ständig um Abweisung von Irrlehren? Dass es auch Begebenheiten gibt, in denen zwei Menschen, die bestimmt ihre Unterschiede haben, gemeinsam Gott nahe sind? Gemeinsam nicht fern vom Reich Gottes?

In diesem Herbst geht gerade ein Gedenkjahr zuende. Das Melanchthonjahr. Vertreter beider Kirchen und der Politik haben sich beteiligt an der Erinnerung an den Reformator Philipp Melanchthon, der vor 500 Jahren geboren wurde. Martin Luther kennen alle. Er ist prägend, auch deshalb, weil er viel von dem Glaubenskämpfer hat, von dem streitbaren, kämpferischen Theologen. Solche Gestalten werden bis heute beachtet. Ich vermute, dass unter dem Eindruck Luthers die protestantische Kirche auch bei der Bibelauslegung die Seite des Streitens für den Glauben sehr liebt. Luther hat ein Kernanliegen des Glaubens erkannt. Es befreit und das wirkt umstürzend. Aber Luther schießt im Streit mit anderen immer wieder über das Ziel hinaus. Er verteufelt Gegner oder auch nur solche, die ihm einfach nicht folgen.

Auch in der evangelischen Kirche denken wir kaum daran, dass neben ihm Melanchthon steht. Der sich noch im Reformationsjahrhundert wieder an Gesprächen zwischen den Konfessionen beteiligt hat und an Einigungsformeln arbeitet. Der ganz nebenbei schreiben kann: Wir sind zum Gespräch geboren. Er liebt die griechische Tradition des Beieinanderliegens beim Symposion mit Gesprächen und will sie mit dem biblischen Denken verbinden. Selbst Gott ist für ihn noch ein Meister des Erkenntnisgesprächs. Melanchthon ist gewiss, dass der ihn endlich über all die offenen Fragen aufklären wird.

Und das Erstaunliche ist, dass jahrzehntelang im kleinen Wittenberg der kämpferische Luther und der dialogische Melanchthon in Freundschaft und gegenseitiger Hochachtung zusammengearbeitet haben. Aber gleichzeitig war Melanchthon befreundet mit dem Gelehrten, mit dem Luther den schärfsten theologischen Streit führte, mit Erasmus von Rotterdam. Melanchthon muss ein Meister der Freundschaft und des Dialogs gewesen sein. Allerdings wissen wir, dass er unter der ewigen Auseinandersetzung auch gelitten hat [6].

In den Kirchengemeinden sind oft die bekennenden Meinungsmacher einflussreich. Ich wünsche mir auch solche, die zu mehr Gespräch in der Lage sind. Und das beste wäre die Arbeitsgemeinschaft zwischen beiden.

Unser Gespräch im Markusevangelium wird mit Worten der Schrift geführt. Zwischen zwei Juden. Die Begegnung im zweiten Testament der Bibel stimmt hier mit den Worten im ersten Testament überein. Ein Schriftgelehrter und Jesus werden sich einig. Die Hingabe an die gelehrte Auslegung der Tora und die Verkündigung vom nahe hereinbrechenden Reich Gottes fügen sich hier zusammen. Juden in der Tradition des Schriftgelehrten und Christen, die Jesus hören, haben hier dieselbe Antwort:

Ihre gemeinsame Antwort auf die grundlegende Lebensweisung lautet: Gott und den Menschen können wir nur gerecht werden auf dem Weg der Liebe. Der ganzen, ungeteilten Gottesliebe. Der Liebe, der zugleich der Nächste nichts anderes ist als ich selbst bin. Dies nicht nur erkennen — dies leben, das ist die Tora — und das ist das Reich Gottes.

Uns Christen und Christinnen ist der Begriff Liebe seit Jesus ein besonderes Geheimnis. Ein berühmter Orientalist hat geschrieben, Israel sei eingewurzelt in der Hoffnung, das Christentum hingegeben an die Liebe, der Islam zentriert auf den Glauben [7]. Aber wir haben hier gerade gehört, dass ein Vorläufer des Rabbinats und Jesus sich über die Liebe einig sind. Die amtliche Lehre des sunnitischen Islam ist mit dem Wort Liebe zurückhaltend. Ein Name Liebe gehört nicht zu den neunundneunzig schönen Namen Gottes. Doch auch der Koran sagt: Unter den Menschen sind welche, die sich neben Gott andere als Gegenpart nehmen, die sie lieben, wie man Gott liebt. Doch diejenigen, die glauben, lieben Gott noch mehr (Sure 2, 165).

Die Professorin Beyza Bilgin von der Islamisch-Theologischen Fakultät Ankara, eine islamische Religionspädagogin, hat 1994 in Deutschland über den Text unserer Andacht in einer christlichen Kirche gepredigt. Sie legt praktisch aus, was Liebe ist. Die Gottesliebe erweist sich an der Nächstenliebe. Und die richtet sich aus an der Goldenen Regel. Sie ist auch von Muhammad überliefert: Keiner von euch wird ein Gläubiger, solange er dasselbe nicht seiner Schwester und seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht. Keine von euch wird eine Gläubige, solange sie dasselbe nicht ihrer Schwester und ihrem Bruder wünscht, was sie sich selbst wünscht (Hadîth Buhari I, 13). Frau Bilgin betont, dass sie damit nicht nur Glaubensschwestern und -brüder meint sondern alle Menschen, weil sie alle zu Gott gehören. Der Islam ist universal und will ein gutes Stück die eine Menschheit vorwegnehmen [8].

Die Bibel sagt also: Gott und den Nächsten lieben, das ist das Leben. Wir Christen und Christinnen lesen diese Bibel so, dass sie uns Gott in einer einzigartigen geschichtlichen Weise als den Lebendigen vorstellt. In einem lebendigen Menschen, in Jesus Christus, durchbricht er selbst unsere Bilder von Gott. In dem, der im Gehorsam gegen Gott die Liebe gelebt hat. Den die Liebe zu Gott und den Menschen an ein abscheuliches Kreuz geführt hat. Wo alles durchkreuzt ist, was zu gelten scheint von Gott und dem Leben.

Das ist Gottes eingeborener, geliebter Sohn. Den haben wir Menschen, wir Religiösen verworfen. Und bei seiner Verwerfung ziehen wir noch göttliche Gesetze heran. So wie wir göttliche Gesetze nutzen, um über andere zu ordnen und zu regeln, um sie auf unsere Bahnen zu bringen. In schlimmen Fällen mit tödlichen Folgen. Unter Christen geschah und geschieht das immer wieder und von Christen gegen andere.

Ich habe vorhin von der Toleranz unter Wahrung der Identität gesprochen. Auch wenn ich das andere jetzt kürzer sage, muss aber genauso das Umgekehrte gelten. Das ist eher noch schwerer. Wir haben eine Aufgabe, die offenbar nach langer Kirchengeschichte immer noch neu ist, das Bekenntnis zu Jesus Christus mit Toleranz zu leben. So, dass es nicht ausschließt und sich abgrenzt. So, dass der Glaube an den Einen nicht die anderen tötet.

Gott kann schließlich auch bei uns viel durchkreuzen. Er ist nicht so auf unserer Seite, dass wir mit ihm gegen andere losziehen können. Gott ist nicht unsere Bestätigung.

Das christliche Bekenntnis sagt: Nur weil Jesus für uns gestorben ist, kann ich das hören, was Jesus gemeinsam mit dem Schriftgelehrten sagt: Diesen Herrn, deinen Gott, sollst du lieben. Ganz: mit allen Fasern des Herzens und der Seele, mit jeder Regung deines Denkens, mit jeder Tat deiner Hände, mit jedem Atemzug. Nicht fürchten, lieben sollst du ihn.

Gott muss es mir zusagen und zeigen: Ich, Gott, will von dir geliebt sein. Du darfst mich lieben. Ich selbst spreche dir zu, dass du es kannst.

Gott selbst ist Liebe. Er liebt mit Leidenschaft. Er hat seine Liebe in dem gekreuzigten Jesus wehrlos in diese Welt gestellt. Er gewinnt dich mit seiner Liebe. Sie schafft im Tod und Gericht Leben.

Jesus ebenso wie sein Gesprächspartner, der die Wahrheit als zweiter Zeuge bestätigt, geben dir dabei Gott nicht ohne deinen Nächsten. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Elisabeth Kübler-Ross hat ein sehr ehrliches Interview mit dem SPIEGEL geführt. Sie sagt: 71 Jahre alt und sterbenskrank kann ich mich selbst immer noch nicht lieben. So sehr ich auch als Psychologin ein Leben lang anderen geholfen habe, sich anzunehmen [9].

Wir pflegen Selbsthass und Selbstsucht, weil wir uns so, wie wir sind, nicht ertragen können.

Aber lassen wir uns sagen: Gott hat dich ertragen. Als er seinen Sohn Jesus Christus für dich gegeben hat. Er hat dich geschaffen und geliebt. Er hat dich gewollt.

Doch Gott hat auch deinen Nächsten geschaffen. Und Christus für ihn, für sie gegeben. Bejahe den Nächsten wie dich selbst. Gott hat mich so und vielleicht den anderen wirklich anders gemeint. Er will mich so und den andern ganz anders brauchen. Er gibt mir diese und dem andern eine andere Aufgabe.

Wir verlangen gern vom andern, er müsste so sein, so denken und fühlen, so werden wie wir. Ist das nicht die Wurzel dafür, dass vier Fünftel der Welt abhängig sind von Europa, Nordamerika und Japan? Dass die weiße Rasse sich für überlegen hält? Dass eine männliche Welt Frauen ihre Rolle zuweist? Dass viele sich wünschen, Menschen anderen Glaubens kämen nicht nach Deutschland? Dass wir meinen: Wenn wir an Christus glauben, dann muss doch auch unser Glaube allen anderen überlegen sein?

Aber der andere Mensch ist eine Wohltat Gottes. Er ist Gottes Freude und Entzücken, wie ich. Wir sehen den anderen ganz gern als einen Störenfried. Er stört unsere Vorstellung, wie alles sein muss. Er stört mit seinen Anliegen und Bitten.

Sie kennen den anderen Gesetzeskundigen, der Jesus fragte: Wer ist denn eigentlich mein Nächster? Jesus erzählt ihm die Geschichte von dem Mann, der auf der Straße von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fällt und halbtot liegen bleibt. Plötzlich hat Jesus den, der fragt, in diese Lage versetzt. Du bist es. Du liegst da, zerschlagen. Du schlägst nun die Augen auf. Was siehst du? Einen Fremden. Den anderen, der dir immer störend war. Den Samariter. Er ist dein Nächster geworden.

Ein Mensch wird dein Nächster. Sogar Gott ist dein Nächster geworden. Also werde auch du Nächster.

Amen.


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Anmerkungen
[1]

Sure 5, 48. [1]


[2]

G. E. Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts, § 16 ‹http://www.internetloge.de/arst/lesmen.htm› (13.09.2003). [2]


[3]

aaO. § 53. [3]


[4]

aaO. § 85. [4]


[5]

vgl. B. Klappert, Abraham eint und unterscheidet, in: RHEINREDEN 1, 1996, 21-64, 32-34 ‹http://www.horstkannemann.de/klappert.html›. [5]


[6]

vgl. F. Schorlemmer, Wir sind zum Gespräch geboren. Red. Johannes Weiss, hr 2, 12.10.97, 11.03-11.30 Uhr. [6]


[7]

Louis Massignon (1893-1962), zit. nach K.-J. Kuschel, Streit um Abraham, 1994, 267. [7]


[8]

B. Bilgin, Dialog-Predigt am 25.9.1994 in der Paulus-Kirche Marl-Hüls (Manuskript). [8]


[9]

E. Kübler-Ross, „Die Kojoten sind meine Freunde”, in: DER SPIEGEL 39/1997, 22.9.97, 149-150. [9]



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