Christliche Geschichte


Syrisches Waisenhaus

Foto (verminderte Vorschauqualität)

Kunst-Verlag Bruno Hentschel, Leipzig

in der Sammlung historischer Palästinabilder
von Hugo Greßmann (1877-1927,
siehe Archiv der Religionsgeschichtlichen Schule)

vermutlich aus dem Bestand des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, dessen erster Direktor von 1902 bis 1916 Gustav Dalman (1855-1941) war

Theologische Fakultät der Humboldt Universität Berlin

Nicht mit Herkunft bezeichnete Fotos dieser Seite
H. Kannemann

Das Syrische Waisenhaus in Jerusalem bald nach 1900
   


Die Familie Schneller 1820-1860
J. L. Schneller Jahresbericht 1861

Das Waisenhaus 1860-1935
R. Löffler / D. Trimbur Wissenschaft, Politik und Religion

Das Waisenhaus 1935-1948
M. Waiblinger Was passiert mit dem Syrischen Waisenhaus?

Waisenhaus und Schneller-Schulen 1948-2000
Ev. Verein für die Schneller-Schulen Projektbeschreibung






Einsatz im Heiligen Land






J. L. Schneller

Johann Ludwig Schneller
Zeichnung
Museumslädle Erpfingen
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Johann Ludwig Schneller wurde am 15. Januar 1820 in Erpfingen auf der Schwäbischen Alb als Sohn des Weber- und Landwirtsehepaars Jakob und Anna Katharina Schneller geboren. Arno Krauß, Autor historischer Darstellungen in SCHNELLER. Magazin über christliches Leben im Nahen Osten, hat mündlich mitgeteilt, dass die Darstellung Ludwig Schnellers, ein Zweig der Familie gehe auf emigrierte Salzburger Protestanten zurück, nicht der örtlichen Heimatforschung entspreche.

Das Geburtshaus in der heutigen Johann-Ludwig-Schneller-Straße in Sonnenbühl-Erpfingen wurde 2001 abgerissen. Die Grundschule des Ortes trägt ebenfalls den Namen Johann Ludwig Schnellers. Am 6. Juni 2004 wurde auf dem neugestalteten Marktplatz ein Gedenkstein zur Erinnerung an Johann Ludwig Schneller enthüllt. Im ökumenischen Gottesdienst hielt Urenkel Hans Schneller eine Ansprache.

Johann Ludwig Schneller nahm als Kind an den erwecklichen Kinderstunden des Bauern ‚Matthes Christian’ in Erpfingen teil. Er wurde, weil der Besuch einer höheren Schule nicht finanzierbar war, in seinem Geburtsort von Pfarrer und Lehrern privat unterrichtet. Ohne Seminarausbildung wurde er nach bestandenen Examina als Lehrer in den Staatsdienst eingestellt und konnte auch Lehrgehilfen ausbilden. Er sammelte bibellesende Gemeinschaften um sich. 1843 leitete er eine Strafanstalt in Vaihingen an der Enz.




C. F. Spittler

Christian Friedrich Spittler
Druckgrafik
Basel Mission Picture Archive
QS-30.022.0027


Der Pfarrerssohn und Verwaltungsangestellte Christian Friedrich Spittler (1782-1867) gründete als Sekretär der Deutschen Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit (Christentumsgesellschaft) etwa dreißig diakonische und missionarische Werke, darunter die Basler Mission (1815, seit 2001 Trägerverein von mission 21 — evangelisches missionswerk basel), die Diakonischen Anstalten Beuggen (1820, seit 1983 Evangelische Tagungsstätte Schloss Beuggen), die Taubstummenanstalt in Beuggen (1830), 1839 in Riehen (heute Gehörlosen- und Sprachheilschule Riehen), die Pilger-Missions-Gesellschaft auf St. Chrischona (Pilgermission St. Chrischona 1840, eine Bruderschaft von Handwerkermissionaren) und das Diakonissenhaus Riehen (1853, Schwesterngemeinschaft Diakonissenhaus Riehen). Er gewann 1847 Johann Ludwig Schneller für die Evangelistenschule St. Chrischona. Dieser war dort nach dem Pfarrer Gottlieb Schlatter und neben dem Kaplan Christoph Friedrich Schlienz der erste, der aus dem Lehrberuf heraus an diese Gemeinschaft berufen wurde. Er arbeitete als Seminargehilfe und Hausvater weithin ohne Bezahlung.



1854 heiratete Johann Ludwig Schneller Magdalena Böhringer. Sie war am 1. Januar 1821 in Bezgenriet bei Göppingen als Tochter des Bäckers Joseph Böhringer und seiner Frau Christina, geb. Schmidt, geboren. Wie viele von der Erweckung geprägte Christinnen und Christen rang sie um den Weg ihres eigenen Glaubens in der Form des Tagebuchschreibens. Sie arbeitete und lebte im Haushalt des Pfarrers Johann Christian Engel (1798-1877) in Eschenbach. In Ganßlosen (heute Auendorf) lernte sie die Bibelstunden J. L. Schnellers kennen, der sie seitdem in Glaubensfragen beriet. Als Aufseherin arbeitete sie zuerst in der Rettungsanstalt in Göppingen, dann in der Anstalt für entlassene weibliche Häftlinge in Wilhelmsdorf.

Der bisherige Dienst J. L. Schnellers war nicht mehr möglich und Spittler entsandte das Paar in das angestrebte Brüderhaus in Jerusalem. Spittler hatte 1813 einen Verein der Freunde Israels und 1842 einen Palästina-Verein gegründet, gehörte zum Komitee der 1820 auf Betreiben der London Jews Society (London Society for Promoting Christianity amongst the Jews) geschaffenen Basler Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden. Er nahm 1846 die Ermutigung durch Friedrich Adolph Strauß (1817-1888) auf, den Plan der Errichtung eines Brüderhauses voranzutreiben, einer Missionskolonie von Handwerkern. Dieses Brüderhaus sollte eine Station im Projekt der „Apostelstraße” von Palästina nach Abessinien sein. Der Schlosser und Mechaniker Conrad Schick (geboren 27. Januar 1822 in Bitz — gestorben 23. Dezember 1901 in Jerusalem) und der Seifensieder und Chemiker Ferdinand Palmer (1817-1892) waren dazu 1846, der Uhrmacher Samuel Müller und der Dreher und Weber Heinrich Baldensperger (1823-1896) 1848 ausgereist. 1850 kam der Seidenbauer Collin, der nach schwerer Erkrankung wieder heimkehrte und, soweit ermittelbar, später katholischer Pfarrer in Hüningen wurde. Die Brüder waren auf sich gestellt und fanden kaum Arbeitsmöglichkeiten als Handwerker. Schick und Palmer heirateten und traten in die Dienste der Einrichtungen des Bischofs Samuel Gobat und des Judenmissionars John Nicolayson. Auch Baldensperger wurde Hausvater an der Zionsschule Gobats. Nachdem Samuel Müller allein im Brüderhaus lebte, folgten 1853 zunächst Peter Martin Metzler und Christoph Schäfer (1814-1882). Mit dem Ehepaar Schneller reisten die Chrischona-Brüder Flad, Bender, Kienzle, Maier, Gruhler und Schumacher nach Jerusalem. Sie hatten bei dem der Erweckung in Barmen entstammenden Missionar der Basler Mission Carl Wilhelm Isenberg (1806-1864) Amharisch gelernt. Die vier erstgenannten wurden so auch am 7. Dezember 1855 von Bischof Gobat aus Jerusalem nach Abessinien ausgesandt.

Schnellers Aufgabe war die Leitung und die Erteilung von Arabischunterricht. Er gab das Gebäude des Bruderhauses auf, kaufte ein Grundstück, auf dem er zunächst in einer Hütte und dann in seinem eigenen Haus als erster Europäer außerhalb der Stadtmauern Jerusalems lebte und unterrichtete ebenfalls bei dem Reformator der arabischen evangelischen Kirche, dem früheren Missionar der Basler Mission und der Church Mission Society Bischof Samuel Gobat (1799-1879). 1860, im Jahr des drusisch-maronitischen Bürgerkrieges und der Massaker durch osmanische Soldaten an Christen im Libanon und in Damaskus, reiste J. L. Schneller nach Beirut und Sidon, kam mit zehn evangelischen Jungen aus Lagern zurück und gründete am 11. November in Jerusalem im eigenen Haus das Syrische Waisenhaus.

Ein Jahr später bildete sich ein unterstützendes Komitee aus Vertretern der evangelischen Gemeinde Jerusalems, eingeschlossen Bischof Samuel Gobat.



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Johann Ludwig Schneller

Das Heim ist eine Erziehungs- und Bildungsanstalt „in der arme Kinder zu nützlichen Gliedern der Kirche Jesu Christi unseres Herrn erzogen und gebildet werden”.

1. Jahresbericht des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem über die Jahre 1860-1861, 4
in: Jahresberichte des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem über die Jahre 1860-1864, hg. Johann Ludwig Schneller, 1861-1865

zitiert nach
Siegfried Hanselmann
Deutsche Evangelische Palästinamission. Handbuch ihrer Motive, Geschichte und Ergebnisse
1971, 91

S. Hanselmann

Siegfried Hanselmann, Pfarrer, war von 1978 bis zu seinem Ruhestand im Mai 2003 Leiter der Tagungsstätte Wildbad Rothenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und zeitweise Religionslehrer.

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Das Waisenhaus bestand bis zur Schließung durch die englische Mandatsmacht 1940 fast durchgehend unter Leitung der Familie Schneller. Magdalene Schneller führte den Haushalt und vertrat ihren Mann in der Leitung. Nach einem nicht richtig verheilten Schenkelbruch führte sie weiter den Briefverkehr mit Freunden und Spendern.

Die Pilgermission St. Chrischona stellte ihre Arbeit in Jerusalem von 1873 bis 1968 ein. Das Waisenhaus war von ihr eigenständig geworden. Conrad Schick wurde in Jerusalem Lehrer, Leiter des House of Industry der London Jews Society und Palästinaforscher, erwarb den philosophischen Doktortitel und bekam den Titel Baurath verliehen. Er leitete den Bau des Viertels Mea Shearim neben dem wachsenden Schneller-Gelände, erforschte die Zisternen unter dem Haram ash-Sharîf, dem Tempelberg, den Teich Shiloach (Siloah, Birket al-Hamrâ) mit seiner Inschrift und seinem Kanalsystem und beschrieb das Gartengrab, das heute an der Conrad Schick Street liegt. Er eröffnete mit dem ersten Aufsatz die Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. Modelle des Tempelbergs, die er anfertigte, sind heute im Paulus-Haus des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande beim Damaskustor, im Bijbels Museum Amsterdam und bei der Pilgermission St. Chrischona zu sehen. Sein eigenes Wohnhaus, das Thabor Haus von 1889, Street of the Prophets 58, ist seit 1951 das Schwedische Theologische Seminar. Auch Ferdinand Palmers ältester Sohn Paul Palmer wurde als Architekt bekannt.

Conrad Schick war der Bauleiter des am 27. Januar 1868 auf der Gottfriedshöhe bei Jerusalem eingeweihten Neubaus Talitha Kumi des Kaiserswerther Erziehungshauses für Mädchen. Die Arbeit von Talitha Kumi konnte bis zur Verhaftung der Leiterin Najla Moussa Sayegh im Jahre 1941 fortgesetzt werden. Nach der Internierung von Diakonissen von 1940-1948 begann die Arbeit 1950 neu im Gemeindehaus des Jerusalemsvereins in Beit Jala bei Bethlehem. Am 11. Juni 1961 wurde in Beit Jala ein Neubau eingeweiht. Talitha Kumi ist seit 1980 die die einzige koedukative christlich-muslimische Internatsschule in Palästina. Die Schule gehört der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien. Die Verantwortung für ihre Förderung hat 1975 das Berliner Missionswerk der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg übernommen.



Ein jüdische Darstellung und Einschätzung des christlichen Einsatzes im Heiligen Land: Alex Carmel


In Jerusalem wurden die Kinder Theodor (1856-1935), Ludwig (1858-1953), Marie (1860-1946), Benoni (1863-1868) und Jakob Johannes (1865-1901) des Ehepaars Schneller geboren. Theodor heiratete Johanna Allmendinger, mit der er von seinem Bruder Ludwig am 8. August 1887 in Fellbach kirchlich getraut wurde. Ludwig heiratete Katharina von Tischendorf und Marie heiratete am 2. September 1891 Leonhard Bauer (1865-1964, Lebenslauf von dem Heidelberger Semitisten Ulrich Seeger).

Das Ehepaar Schneller entsandte, als Theodor dreizehn und Ludwig elf Jahre alt war, diese beiden Söhne als erste zu höherer Schulausbildung und Theologiestudium nach Deutschland. Die Familie arbeitete in Zukunft für zwei bis drei Generationen weitgehend für das Waisenhaus. Über die Söhne Theodors, Hermann (1893-1993) und Ernst Schneller, wurde dies an die dritte Generation weitergegeben. Hermann Schneller wurde wie sein Vater Theologe, Ernst Schneller Ingenieur.

Die Arbeit des Waisenhauses unterlag zu Beginn vielen Angriffen. 1861 waren 30 Jungen im Haus, 1871 55 und 1884 mehr als 90. In den 1870-er Jahren wurde ein kleines Mädchenheim angegliedert und 1882 eine Blindenklasse eröffnet. Es entstanden Werkstätten für Schmiede-, Schreiner- und Töpferlehrlinge, Schuhmacherei, Schneiderei, Bäckerei, Buchdruckerei, Buchbinderei, Maurerei, Landwirtschaft und Schlosserei. Ältere Zöglinge wurden zur Ausbildung nach Deutschland gesandt, um als Lehrmeister ins Waisenhaus zurückzukehren. Ostern 1880 wurde eine Oberklasse — später „Seminar” — für Schullehrer und Evangelisten eingerichtet, aus der in Zukunft führende Vertreter des arabischen Protestantismus hervorgingen.

Theodor Schneller kehrte 1885 nach Jerusalem zurück und begleitete die Arbeit des Vaters als Inspektor. Marie leitete das Mädchenhaus. Die in der Schweiz zur Lehrerin ausgebildeteIrmela Bauer (1893-1984), die ältere ihrer beiden Töchter Irmela und Hilda, folgte ihr darin.

Dass seit 1884 Ludwig Schneller als Missionar und Pfarrer in Bethlehem tätig war, gab der Familie eine starke Stellung im lokalen Komitee. Am 12. Juli 1889 wurde ein Kuratorium des Syrischen Waisenhauses mit Vorstand in Stuttgart gegründet. Ihm gehörten meist Pfarrer, Lehrer, Kaufleute und Fabrikanten aus Deutschland und der Schweiz an.

Johann Ludwig Schneller starb am 18. Oktober 1896 in Jerusalem.

Nach den Massakern an Armeniern 1896 wurden mehr als 100 Menschen in kurzer Zeit aufgenommen. Nach dem Haus des Inspektors von 1893 wurden auch ein „Armenierhaus” und eine Umgrenzungsmauer gebaut, im Jahre 1900 ein neues Haupthaus, 1903 ein eigenes Blindenhaus. Das Syrische Waisenhaus hatte zusammen mit anderen Blindenanstalten im Land eine arabische Blindenschrift entwickelt und stellte auch Druckerzeugnisse in dieser Schrift her. Das Lehrerseminar wurde auf eine fünfjährige Ausbildung erweitert. Der Abschluss ermöglichte den Lehrberuf oder ein Studium in Beirut.

Johannes Schneller, der jüngste Sohn der Familie, war 1877 dem Weg Theodors und Ludwig nach Schorndorf gefolgt. Er besuchte in Bad Godesberg das Gymnasium, legte in Gütersloh das Abitur ab, studierte Rechtswissenschaft in Lausanne, Rom, Paris und Berlin und promovierte über „Die staatsrechtliche Stellung von Bosnien und der Herzegowina”. In einem Urlaub arbeitete er im Deutschen Konsulat in Jerusalem bei dem Konsul Dr. Paul von Tischendorf, einem Schwager Ludwig Schnellers. Nach kurzer Justizlaufbahn in Berlin wurde er 1901 zum Vizekonsul des Deutschen Reiches in Kairo ernannt. Er feierte vor seiner Ausreise in Köln mit seinen Brüdern Theodor und Ludwig einen Gottesdienst. Zehn Tage nach seiner Ankunft in Kairo erkrankte er und starb am 27. Juli 1901 im dortigen deutschen Hospital.

Magdalena Schneller starb am 25. Mai 1902 in Jerusalem, einige Monate nach dem Tod ihres Sohnes Johannes.

Am 10. November 1906 wurde eine kleine Zweigeinrichtung für dreißig Kinder mit einem Lehrer und einem Hausvater in Bir Salem bei al-Ramla in der Shefela eingeweiht. Nach einem Brand am 12. Juni 1910, bei dem Familie Bauer ihren Besitz verlor, wurden Teile des Hauptgebäudes neu errichtet. Ein Lehrlingsheim entstand kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Im 8. Dezember 1917 wurde das Syrische Waisenhaus beim englischen Vormarsch beschossen und erlitt Sachschaden.

Phönix

Am Altar in der Kirche der Theodor-Schneller-Schule


Theodor, der Direktor seit dem Tod des Vaters, wurde nach dem Ersten Weltkrieg des Amtes enthoben und verließ 1920 Palästina. 1918-1923 unterstand das Waisenhaus dem Amerikanischen Roten Kreuz bzw. der für diese Aufgabe gebildeten Near East Relief. 1923-1928 konnte Theodor wieder die Leitung übernehmen, wobei ihn Hermann Schneller, sein ältester Sohn, verheiratet mit Agnes Schneller, geb. Rück (1899-1987), als Inspektor begleitete. Die deutsche Sprache durfte unter englischem Mandat nicht mehr als Unterrichtssprache verwendet werden. Unter Leitung von Ernst Schneller entstand im Schneller-Gelände ein neuer Werkhof mit dem modernsten und größten Elektrokraftwerk des Nahen Ostens. 1926 wurde auch das Lehrerseminar und 1927 die Anstalt in Bir Salem wieder eröffnet. Zu einem Galiläischen Waisenhaus in Nazareth auf einem 28 Hektar großen Grundstück war nach amerikanischen Spenden, die auf Ludwig Schnellers Reise von 1907/08 zurückgingen, bereits am 24. April 1910 der Grundstein gelegt worden. Es wurde jedoch vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr fertig gestellt und nahm 1927 seine Tätigkeit auf.

Die englische Mandatsregierung erkannte die Missionsgemeinde Syrisches Waisenhaus, in der es allerdings nicht mehr zur Errichtung eines eigenen Kirchgebäudes kam, als Kommune an, die auch in Zivilrechtsfragen eigenständig war. In den dreißiger Jahren begann auf dem Gelände der Bau einer Gemeindesiedlung. 1934 wurde das Mädchenheim neu errichtet. Die Anstaltsgemeinde umfasste ohne die Waisenhauszöglinge und die deutschen Mitarbeitenden 1939 etwa 220 Personen.

Theodor Schneller starb am 16. April 1935 in Jerusalem. Er ist wie seine Eltern auf dem Zion auf dem Protestantischen Friedhof der St. George’s Anglican Cathedral begraben.

Eine Liste der Gräber des Friedhofs nach Brian Schultz stellt Deborah Miller im Israel GenWeb — Jewish Genealogy von Darren Michael McCavern zur Verfügung.



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Dominique Trimbur

„ [...] Wenn das Waisenhaus auch vor allem für seine handwerkliche Erziehung Bekanntheit erlangte, bildete es so doch die begabtesten unter den Schülern in der Perspektive eines Studiums an der amerikanischen - evangelischen - Universität in Beirut aus. Die Geschichte der Institution war die eines Erfolgs. Die Schnellers schafften es auch, ohne allzu große Mühe die Folgen des Ersten Weltkriegs zu überwinden. Zwar schien sich das Schneller Waisenhaus genauso wie die katholischen Missionen seiner Umgebung angepaßt zu haben, es spiegelte aber doch in kleinem Maße die Heimat und ihre politische Entwicklung wider: Eng mit dem kaiserlichen Deutschland verbunden, fanden sich die Schnellers mit der Errichtung der Weimarer Republik nur ungern ab. Sie lehnten den Sozialismus stark ab, welcher besonders von den Erziehern verbreitete wurde, die sie im Zuge ihres Erfolgs einstellen mussten. Aus Realismus, aber auch aus politischer Überzeugung, handelten die Schnellers 1933 so wie die meisten Palästina-Deutschen, indem sie der NSDAP-AO beitraten. Ihre Vorliebe für ein traditionelles Deutschland hielt sie jedoch nicht davon ab, sich zu einem toleranten Protestantismus zu bekennen: Im deutschen Kirchenkampf erkannten sie sich in der Bekennenden Kirche wieder. Ihre Treue zu Deutschland bildete aber den Hauptgrund ihrer Ausweisung 1940 und für die unmögliche Rückkehr nach Palästina nach 1945. [...]”

Politik, Wissenschaft und Religion: Franzosen und Deutsche in der Levante (19.-20. Jh.). Atelier des Deutschen Historischen Instituts in Paris am 3. Dezember 2001, 3-4
[Referat zu Roland Löffler: Eine deutsche evangelische Institution in Jerusalem: Das Syrische Waisenhaus der Familie Schneller]

in: Deutsches Historisches Institut Paris
http://www.dhi-paris.fr/seiten_deutsch/veranstaltungen/berichte/levante.htm
(13.09.2003 bei Korrektur eines Schreibfehlers)

auch in: Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland, AHF-Information Nr. 11 vom 4.3.2002
http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2002/011-02.pdf
(13.09.2003)

Roland Löffler ist Theologe und Journalist und promovierte in Marburg zu historischen Fragen von Milieu und Mentalität. Er arbeitete außer an Themen seines nordhessischen Wohnraums bei der Neuen Zürcher Zeitung an Fragen des Nahen Ostens, des christlich-islamischen Gesprächs, Skandinaviens und des Ostseeraums. Im Frühjahr 2003 arbeitete er zeitweise bei der norwegischen Bergens Tidende.

Im Oktober 2004 ist die Dokumentation zu der genannten Tagung erschienen:

Dominique Trimbur (Hg.): Europäer in der Levante — Zwischen Politik, Wissenschaft und Religion (19.-20. Jahrhundert). Des Européens au Levant. Entre politique, science et religion (19.-20. siècle). Pariser Historische Studien 53. 2004

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1935 begann ein jüdischer Boykott gegen deutsche Waren. Er traf die Betriebe des Waisenhauses ebenso wie auch das Verbot der Ausfuhr deutscher Devisen aus Deutschland die Arbeit in eine Krise führte. Die Einrichtungen in Bir Salem und Nazareth wurden zeitweise geschlossen. Das Waisenhaus in Jerusalem beschränkte sich auf 100 Zöglinge und die Mitarbeitenden verzichteten auf einen Teil ihres Gehalts, bis starke Zuwendungen aus den USA und der Schweiz wieder bis zu 340 Zöglinge ermöglichten. Im Mai 1940 beschlagnahmte die Mandatsregierung das gesamte Gelände für militärische Zwecke. Das Seminar durfte bis 1942 in Räumen des Jerusalemsvereins in Bethlehem weiterarbeiten und wurde dann aufgelöst.

Hermann wurde 1948 aus Israel nach Australien ausgewiesen. Sein Bruder Ernst wurde 1949 Ludwigs Nachfolger in der Leitung der deutschen Gesellschaft. Die Arbeit in Jerusalem konnte nicht wieder aufgenommen worden. Das Gelände des Syrischen Waisenhauses ging in den Besitz des Staates Israel über.



Syrisches Waisenhaus heute

Das Hauptgebäude des ehemaligen Syrischen Waisenhauses
im zur Zeit noch militärisch genutzten Schneller Complex
für dessen Erhalt sich der israelische Stadtplaner Gil Gordon einsetzt

Der Turm war 1900 noch ein einfacher rechteckiger Bau mit zwei Spitzbogenfenstern und einem spitz zulaufenden Dach

Foto von Nili Hod zu Lili Eylon Jerusalem Architecture in the late Ottoman Period beim Israel Ministry for Foreign Affairs


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Martina Waiblinger

„ [...] Gil Gordon geht davon aus, dass mit der Ausbildungsarbeit im Syrischen Waisenhaus westliche Kultur in den Nahen Osten gebracht worden sei und führt dabei fünf Punkte an: 1. Das Syrische Waisenhaus war die größte berufliche Erziehungseinrichtung im Nahen Osten. 2. Es war das größte protestantische Ausbildungszentrum. 3. Es gab hier die erste Blindenerziehung in Israel. 4. Es war das einzige Industriegebiet in Jerusalem mit der Produktion von Dachziegeln, Baublöcken und Keramikplatten. 5. Es gab hier die modernste Druckerei Jerusalems, die für die Jerusalemer Bevölkerung Dienstleistungen in fünf Sprachen anbot. Argumente für die geographische Bedeutung sind nach Gil Gordon: 1. Das Syrische Waisenhaus war eine der ersten Pioniersiedlungen außerhalb der Stadtmauern Jerusalems. 2. Es war der größte durchgängig besiedelte Vorort der Stadt. 3. Es war ein autonomes Stadtviertel mit einem einzigartigen architektonischen Stil. 4. Es war ein besonderes „deutsches Wohnviertel” im Norden der Stadt, eine Art Schwestersiedlung der „Templeransiedlung” im Süden von Jerusalem. [...]”

Was passiert mit dem Syrischen Waisenhaus?
Ein israelischer Stadtplaner kämpft um das Schneller-Gelände in Jerusalem

in: SCHNELLER magazin 115. Jahrgang, Heft 3, September 2000, 18-20, 18


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Das Heim in Nazareth konnte bis zum Mai 1948 weiter bestehen. Erzieher und Kinder mit Elias el-Haddad mussten im israelisch-arabischen Krieg in den Libanon fliehen. Die British Syria Mission stellte in Shamlan bei Beirut ein Haus zur Verfügung. Dort kamen Heimkinder bis zu einer Zahl von vierzig und auch Hermann Schneller wieder zusammen. Aus einem Beschluss des Lutherischen Weltbunds, die Einrichtung nach Bethlehem zu verlegen, wurde nur ein kleiner Versuch. Hermann Schneller reiste 1951 mit sieben Kindern aus Bethlehem über Amman nach Zahle in der Beqa, Libanon, in ein leerstehendes Hotel. Noch zur Lebenszeit Ludwigs wurde am 24. März 1952 die Johann-Ludwig-Schneller-Schule in Khirbêt Qanafâr (Khirbet Kanafar) bei Zahle im Libanon eröffnet. Marie und Leonhard Bauer, die nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls Palästina verlassen hatten, waren im Zweiten Weltkrieg in Jerusalem geblieben. Leonhard Bauer erblindete 1939 im Internierungslager auf einem Auge. Marie starb 1946 in einem anderen Lager. Auch Leonhard Bauer und seine Tochter Irmela flohen 1948 nach Shamlan, Libanon. Irmela Bauer lebte nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1964 zunächst in Beirut. Als auch ihre Schwester Hilda starb, zog sie zu deren Familie nach Deutschland.

Hermann Schneller starb am 29. März 1993 in Tübingen und ist ebenso wie seine Frau Agnes in Erpfingen, dem Geburtsort seines Großvaters begraben.



Theodor-Schneller-Schule


Johann-Ludwig-Schneller-Schule

Johann-Ludwig-Schneller-Schule in Khirbêt Qanafâr


Am 11. November 1966 wurde in Amman, Jordanien, die Theodor-Schneller-Schule eröffnet. Ernst Schneller wechselte aus diesem Anlass von Köln nach Amman. Die Theodor-Schneller-Schule umfasst vergleichbar dem früheren Syrischen Waisenhaus ein ausgedehntes Gelände mit Schulen, Heimen, Werkstätten und landwirtschaftlichen Flächen.

Die VII. Weltversammlung der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden fand vom 25. bis 29. November 1999 in Amman, eröffnet durch Prinz El-Hassan bin Talal, statt und wurde teilweise in der Theodor-Schneller-Schule gehalten einschließlich eines vorangegangenen Seminars ihrer Ständigen Kommission für Friedenserziehung.



Theodor-Schneller-Schule


Theodor-Schneller-Schule

Theodor-Schneller-Schule in Amman


Der Verein für das Syrische Waisenhaus, heute ohne eigene hauptamtliche Kraft, trägt seit dem 11. Juni 1994 den Namen Evangelischer Verein für die Schneller-Schulen e.V.. Er gehört seit 1972 dem Evangelischen Missionswerk für Südwestdeutschland — Gemeinschaft evangelischer Kirchen und Missionen als einer seiner Gründungsvereine an. Der Vorsitzende ist zur Zeit Pfarrer Klaus Schmid. Die Mitgliederversammlung beschloss 2003 und ein weiteres Mal am 19. Oktober 2004, auch den Sitz des Vereins aus rechtlichen Gründen von Köln nach Stuttgart an den Sitz der Geschäftsführung zu verlegen.



M. Schneller

Dr. Martin Schneller
Botschafter i.R.
Deutsche Botschaft Amman
Jordanien

Der Name „Syrisches Waisenhaus” ist ersetzt durch „Schneller-Schulen”, während die beiden Schneller-Schulen im Nahen Osten heute nicht mehr von der Familie Schneller, sondern von Riad Kassis und Hanna Mansour geleitet werden. Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule wird von der National Evangelical Church of Beirut getragen, die Theodor-Schneller-Schule vom Bischof der Episcopal Church in Jordanien.

Dafür war von Januar 2000 bis Juni 2004 Dr. Martin Schneller, Sohn von Ernst Schneller, deutscher Botschafter in Jordanien.

Die beiden Schulen werden von rund 700 Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 22 Jahren besucht. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen lebt in den Internaten. Der Anteil der Muslime und der Christen an den Schulen ist etwa gleich groß.





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Projektbeschreibung des Evangelischen Vereins für die Schneller-Schulen
Ausbildung unterprivilegierter Kinder

„ [...] An beiden Schulen werden je 300 Schüler unterrichtet. Es handelt sich um Waisenkinder, auch Sozialwaisen, die kein Schulgeld bezahlen können. Sie sind Internatsschüler und werden außerhalb des Unterrichts von Erziehern in Gruppen, "Familien", betreut. Nach Schulabschluß bleiben sie zu einer qualifizierten beruflichen Ausbildung als Lehrlinge in verschiedenen Bereichen des Handwerks, Schreiner, Schlosser usw. Die Kinder kommen aus christlichen Familien unterschiedlicher Konfessionen und auch aus muslimischen Familien. Ihre religiöse Anbindung wird geachtet. Die tolerante Grundhaltung garantiert eine wirksame Erziehung zum Frieden in der von Krieg und Gewalt stark belasteten Region. [...]”


http://agenda21.aachen.de/welt/pdf/2_13.pdf› (02.09.2003)


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