Jesus




J. Schniewind
Julius Schniewind
      

Der

catalogusprofessorumhalensis

von Henrik Eberle, Historisches Büro, erinnert mit diesem Foto an Julius Schniewind.


Das Evangelium nach Matthäus
Lebenslauf




Das Evangelium nach Matthäus



„[...]

Das Erkennen, von dem unser Wort handelt, betrifft nicht die Überlieferung der Lehre oder Gotteserkenntnis im allgemeinen, sondern es bezieht sich auf das letzte Kommen, das letzte „Bekanntsein” zwischen Gott und den Menschen, auf die Offenbarung Gottes in dem weiten Sinn, der schon V.25 vorausgesetzt wurde; nun aber wird mit dem Wort vom Kennen und Erkennen das Allerletzte gesagt. [...]

Bei manchen Kirchenvätern des 2. Jahrhunderts heißt unser Wort: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn; und niemand (kennt) den Sohn, nur der Vater und welchen es der Sohn offenbart.” Hier ist also die Reihenfolge der beiden Sprüche umgestellt; aber das ist offensichtlich eine Erleichterung unseres auffälligen Textes. Denn wie er lautet, läßt er den Sohn für alle Menschen völlig unerkennbar sein: Niemand kennt ihn, nur der Vater; hingegen wird der Vater durch den Sohn auch denen offenbart, die dieser sich erwählt. Danach scheint der Sohn ein größeres Geheimnis zu sein als der Vater! Verständlich also, daß man den Spruch änderte: der Vater scheint allen Menschen unergründlich, während der Sohn sich seinen Jüngern offenbart. Nun ist dies letztere schon eine bemerkenswerte Abweichung von Mt. 16,17; Gal.1,16, wo   G o t t   seinen Sohn den Erwählten offenbart. Und der Gedanke, daß Gott jeder Erkenntnis völlig unzugänglich sei, ist ein typisch griechischer Gedanke, während die Bibel mannigfaltig vom Kennen Gottes redet (s.u.). Die Unerkennbarkeit des Sohnes hingegen entspricht wieder dem schon zu V.25f. Aufgezeigten: Jesus wird von allen Menschen verkannt; ja, dies gilt letztlich sogar von seinen Jüngern (s.z. 8,27; vgl. Lk. 9,55; Joh. 14,9.20 u.v.a.).

G o t t   k e n n e n   u n d   i h m   b e k a n n t   s e i n   ist ein in der ganzen Bibel wiederkehrendes Wort für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Schon der Prophet Hosea (8. Jahrhundert v.Chr.) kann alles, was Gott fordert und gibt, in dem einen Wort „Gotteserkenntnis” zusammenfassen (Hos.2,22; 4,1; 6,6), und das Wort Hos. 6,6 begegnet uns zweimal bei Matthäus im Munde Jesu, 9,13 und 12,7. Diese Gotteserkenntnis ist nicht ein Erkennen, das auf den Verstand beschränkt bleibt; sie ist vielmehr ein Kennen, wie ein Mensch den anderen kennt. Gottes Erkenntnis bedeutet eine persönliche Beziehung zu Gott. So bleibt es im ganzen Alten Testament, vgl. nur Jer.9,23, eine Stelle, die schon zu V.25 anklang, oder Psalmstellen wie 36,11; 91,14

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wo „Gott kennen” soviel heißt wie „ihn beim Namen nennen”, ihm als dem Bekannten und Benannten zugehören (vgl. Mt.6,9). Die volle Erkenntnis Gottes ist das Vorrecht des Mose (2.Mose33,13), der Propheten (4.Mose24,16; 1.Sam.3,7); Gottes Wege und Gedanken, Gott selbst ist ihnen bekannt; und das Höchste, was vom Messias (Jes.11,2), was vom Knecht Gottes (Jes.53,11) gesagt werden kann, ist auch nur dies, daß sie Gott umumschränkt kennen. Und das ist dann die Hoffnung für die neue Zeit, die Gott schaffen wird; dann wird sein Volk seinen Namen kennen (Jes.52,6), dann werden ihn alle kennen von den Kleinsten bis zu den Größten (Jer.31,33f. — die immer wieder anklingende wichtige Stelle, s.z. Mk. 14,24). Ja, alle Vöker sollen einst Gott kennen (Ez.38,16; 1.Kön.8,43) und dann „wird das Land voll sein von Erkenntnis Jahwes wie von Wassern, die das Meer bedecken” (Jes. 11,9). — All diese Gedanken des Alten Testaments sind zur Zeit Jesu noch lebendig. Sie verbinden sich schon im Alten Testament sofort mit dem andern Gedanken, der in unserer Stelle neben ihnen steht: Gott kennen heißt: von ihm gekannt werden, ihm bekannt sein. Unmittelbar nebeneinander stehen beide Gedanken in 2.Mose 33,12.13 und 1.Kön.8,39.43: Mose kennt Gott und Gott kennt ihn; alle Völker sollen Gott kennen, der „kennt das Herz aller Menschenkinder”. Nun ist Gottes Kennen soviel wie ein Erwählen: Gott hebt die Menschen heraus aus allen Geschöpfen und „kennt” sie; Gott spricht zu Israel: „Euch kenne ich allein aus allen Geschlechtern der Erde — darum will ich all eure Sünden an euch heimsuchen” (Am.3,2). Und ebenso weiß es der einzelne: daß Gott uns kennt, kann höchste Freude (Ps. 1,6) und kann letzte Verantwortung vor dem Richter sein (Ps. 139,1ff.) Ebenso aber wie es ein besonderes Vorrecht ist, Gott vor anderen zu kennen, so ist es ein Vorrecht, ihm bekannt zu sein. Er kennt das eine Volk (Am. 3,2); den einen erwählten König (2.Sam. 7,20); kennt den Propheten als den Seinen (Jer. 1,11). — Wenn also Jesus unser Wort spricht, so ist dies wie in so vielen anderen Worten ein Aufnehmen höchster alttestamentlicher Hoffnung: er ist der Messias, der Knecht Gottes, der Gott kennt und den Gott kennt und der diese Erkenntnis an die vielen weitergibt (Jes. 11,2.9; 53, 11; 42, 1 ff.); er ist das als der, den Gott erwählt, als der eine Erwählte (Lk.9,35; 23,35).

Wir haben unser Wort vom Alten Testament her verstanden; man braucht also nicht zu versuchen, es aus dem Hellenismus abzuleiten. Dieser Versuch ist gemacht worden, weil die Worte „erkennen” und „offenbaren” auch an spätgriechische Gedankengänge erinnern können. In der Tat haben auch Griechentum und Hellenismus etwas von Gotteserkenntnis gewußt. Es ist ja das gegebene Wort, die Beziehung zwischen Gott und Menschen auszudrücken. „Ich kenne dich, Hermes, und du (kennst) mich. Ich bin du und du bist ich.” Nur wird hier aus dem Erkennen ein Verschmelzen mit der Gottheit; das liegt daran, daß es nicht um die persönliche Beziehung zu dem lebendigen Gott geht, der erwählt und verwirft, richtet und vergibt, sondern um die Verbindung mit einer Naturkraft. „Nicht ist der Mensch Gott unbekannt, sondern (Gott) kennt ihn und will von ihm erkannt werden.” Aber dies Erkennen wird so erfahren, daß man in mystischen Erlebnissesn in das Übersinnliche aufsteigt und so einer Offenbarung teilhaft zu werden hofft. Alle Stellen des Alten Testaments hingegen reden von einem einmaligen Eingreifen des unsichtbaren Gottes in diese unsere Welt und Geschichte hinein; daran läßt sich Gott kennen und erkennen, und denen, die seine Erkenntnis ver-

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warfen, bietet er die Verheißung, daß einmal der eine kommen soll, der die neuen Ordnung bringt, nach der alle, auch die Geringsten, Gott kennen werden, denn er bringt die Vergebung der Sünden (Jer.31,33f.). — Das Entscheidende in unserem Wort sowohl gegenüber dem Hellenismus wie gegenüber dem Alten Testament ist dies, daß Jesus   a u s s c h l i e ß l i c h   vor allen anderen Menschen Gott kennt, und daß darum er allein der Weg zur Gotteserkenntnis ist. Merkwürdigerweise gibt es gerade zu dieser Ausschließlichkeit eine sehr alte religionsgeschichtliche Parallele, einen Königsspruch (Amenophis IV.) aus dem Ägypten des 2. vorchristlichen Jahrtausends: „Kein Anderer kennt dich (der Sonnengott wird angeredet), als dein Sohn, der König.” Hier redet feierliche Königssprache; ähnlich sprach man von Alexander dem Großen und von den römischen Kaisern als von Göttersöhnen; und die Kämpfe der ersten Christen gingen darum, ob   i n   W a h r h e i t   der Kaiser „Gottes Sohn” sei, oder aber der eine, dem auch in unserem Spruch der Ehrenname „der Sohn” gehört (s.z. Mk. 1,11); aber noch über dies hinaus reden Jesu Worte geheimnisvoll und feierlich von ihm als „dem Sohn”: (Lk.2,49) Mk.12,6; 13,32. Er ist der eine, der Gott kennt — wie ein Sohn den Vater kennt. Er aber gibt denen, die er, der Sohn, sich erwählt, daran teil, wie er den Vater kennt. Unser Wort hat das Gepräge johanneischer Worte von der Gotteserkenntnis, wie Joh. 10,15; 17,2.3; auch darin erinnert es an Johannes, daß der Würdename „der Sohn” dort immer wiederkehrt (3,17; 5,2 ff.; 6,40; 14,13 u.a.). Aber auch über unsererem Wort steht, wie über V.25f., die Verkündigung der Niedrigkeit Jesu. Nach den alttestamentlichen Worten von Erkennen und Bekanntsein sollte man erwarten, daß unser Wort hieße: Niemanden kennt der Vater, nur den Sohn; nur ihn kennt er, ihn hat er sich erwählt. Aber unser Wort lautet anders: Niemand kennt den Sohn, nur der Vater; und das ist deshalb so, weil hier, wie in V.25, an den Mißerfolg Jesu gedacht wird: er wird von allen Menschen verkannt. Auch das stand schon in der Weissagung vom Knecht Gottes (Jes.52,14; 53,2f.); und sie erfüllt sich bis dahin, daß selbst Jesu Jüngerkreis flieht, verleugnet, verrät.

[...]”





Das Evangelium nach Matthäus. Übersetzt und erklärt.
12. Auflage, 1968, 151-153

Erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (zur Zeit nicht erhältlich).





Julius Schniewind wurde am 28. Mai 1883 in Elberfeld geboren.

An der Universität Halle wurde er 1919 außerordentlicher Professor für Neues Testament. Ordentlicher Professor wurde er 1927 in Greifswald und 1929 in Königsberg i. Pr. Er prägte dort — gemeinsam mit Hans Joachim Iwand (1899-1960), Günther Bornkamm (1905-1990) und Martin Noth (1902-1968) — eine Generation von Theologen, die später in West- und Ostdeutschland tätig war. Wegen seines Einsatzes für die Bekennende Kirche wurde er versetzt. Die Versetzung nach Halle wurde von der dortigen Universität erreicht. Nach Dienstsuspendierung und Kürzung von Bezügen im Jahre 1937 war er 1938 wieder tätig.

Neben seinem Lehramt war er 1939 Lazarettseelsorger und von 1946-1948 Propst von Halle-Merseburg. Er setzte sich im neuen Aufbau von Universität, Kirche und Pfarrerschaft ein.

Seine Auseinandersetzung mit dem Programm des Neutestamentlers Rudolf Bultmann (1884-1976) zur Entmythologisierung des Neuen Testaments ist in Religion online, Claremont, California, von Ted und Winnie Brock in englischer Übersetzung zugänglich gemacht:

A Reply to Rudolf Bultmann. Thesis on the Emancipation of the Kerygma from Mythology.

Julius Schniewind starb unter den Auswirkungen starker Erschöpfung am 7. September 1948 in Halle.

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