Paulus



Grab Katz
Letztes Grab
eines jüdischen Friedhofs












Hedwig Steil
 


Predigt zu Römer 9, 1-5

10. Sonntag nach Trinitatis
Evangelische Michaelskirche Gießen-Wieseck    15. August 2004



Der Text



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde,

bei der Vorbereitung der Predigt habe ich mich gefragt, was wir in Wieseck mit dem Israelsonntag, dem Jerusalemsonntag, zu tun haben, den die evangelische Kirche seit Jahrhunderten im August begeht. Die Zerstörung Jerusalems liegt fast 2000 Jahre zurück und ist uns völlig fern. Die Verfolgung und Ermordung von Millionen europäischer Juden liegt für das Bewusstsein der meisten von uns ebenfalls weit weg, sie ist 60, 70 Jahre her.

Doch wenn wir die Augen bewusst aufmachen und uns in Wieseck umschauen, dann begegnen uns die früheren jüdischen Bürger des Ortes:

— Nicht weit von der Friedhofskapelle entfernt, am Rande des Friedhofs, liegt hinter einer Hecke der jüdische Teil. Die Namen auf den Grabsteinen — sind sie den älteren Wieseckern und Wieseckerinnen noch vertraut? Ich nenne jetzt nur wenige:

— Dieses Grab ist das letzte auf dem Wiesecker Friedhof. Die weitere Gräberreihe ist leer. Denn nach 1938 konnten keine Juden mehr ruhig in ihrem Heimatort sterben. Doch auf diesem letzten Grabstein ist eine Tafel angebracht:

Zur Erinnerung an meine Mutter Eva Katz, geb. Oppenheimer,
meinen Bruder Dr. Ludwig Katz,
meine Schwägerin Sophie Katz, geb. Krittenstein, meine Nichte Hildegard Katz,
umgekommen anlässlich der Judenverfolgungen.


Unterschrift: „Dr. Julius Katz, 19. 2.1955”.

— Wenn wir dies gelesen haben und nachdenklich den Friedhof verlassen und dann in Richtung der Kirche gehen, kommen wir zur „Poart”. Ende Juni wurde das diesjährige Poartfest auf dem Platz davor gefeiert. Tische waren aufgebaut, Verpflegungsstände, die Bühne für die Volkstänze. Direkt dabei konnte man den Gedenkstein sehen für die ehemaligen jüdischen Wiesecker, deren Synagoge in der „Wassergass” (Karl-Benner-Straße) seit 1938 nicht mehr zum Gottesdienst genutzt werden kann, weil sie geschändet und im Inneren zerstört wurde.

— Gehen wir weiter und blicken uns in Wieseck um: Viele von uns kennen die schöne Villa in der Kesslerstraße, die einst dem bekannten Dr. Ludwig Katz gehörte, von dem wir vorhin auf der Gedenktafel gelesen haben. Dieses Haus ist nach dem Krieg bis ungefähr 1970 als Verwaltungsstelle genutzt worden. Jetzt beherbergt es wieder eine Arztpraxis.

— Und nun öffnen wir auch unsere Ohren und hören auf das, was ältere Wiesecker uns von ihren Erinnerungen erzählen: Dr. Katz habe immer wieder bedürftige Patienten kostenlos behandelt und habe sein großes Haus ursprünglich als Klinik geplant, aber dazu ist es ja nicht mehr gekommen.

Ein Gemeindeglied hat mir erzählt, dass sie sich auch an die Tochter von Dr. Katz erinnert, an die Hildegard. Diese sei groß und dunkelhaarig gewesen und habe auf ihrem Trainingsanzug den gelben Stern getragen, als ungefähr zehnjähriges Mädchen.

Ebenso sollten wir die Erinnerungen von inzwischen verstorbenen Menschen aus Wieseck nicht vergessen. So hat mir vor Jahren eine Nachbarin erzählt, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus als Kind oft abends von ihren Eltern geschickt worden ist, um jüdischen Nachbarn heimlich Essen zu bringen.

Eine andere Frau war ihr Leben lang tieftraurig, wenn sie daran dachte, wie eines Tages in der Kirchstraße das Weißzeug jüdischer Familien auf Lastwagen geladen und abtransportiert worden ist. Nach Meinung der Nationalsozialisten brauchten Juden im Winter kein warmes Bettzeug!

Wenn wir also Acht geben, können wir an vielen Stellen die Erinnerungen wahrnehmen. So war auch schon immer wieder im Gemeindebrief der eine oder andere Artikel über ehemalige jüdische Wiesecker zu lesen.

Warum sind Erinnerungen so wichtig? Es ist eine uralte jüdische Weisheit, dass wir sie zum Leben brauchen. Erinnerungen helfen uns nämlich, dankbar zu sein für Rettung und schöne Erlebnisse. Doch gibt es eben auch Erinnerungen, die uns belasten. So macht uns das Gedenken an die jüdische Geschichte in Wieseck und auch an die gesamte deutsch—jüdische Geschichte ratlos. Wir fragen uns manchmal, wie es zu diesem tödlichen Hass gegen die jüdischen Bürger kommen konnte. Solche Erinnerungen machen uns traurig. Doch trotzdem ist es für unser Leben wesentlich, das vergangene Geschehen nicht zu vergessen, damit wir nicht wieder in solche bösen Entwicklungen — zum Beispiel eben gerade auch die Verfolgung von Menschen — hineinschlittern. Die Fähigkeit, uns zu erinnern, hilft uns also — ganz allgemein gesehen —, uns auf die wesentlichen Dinge zu besinnen, die unser Leben bestimmen und die wir nötig haben. Auch wenn sie manchmal mit traurigen Gefühlen verbunden sind.



Von diesen Gedanken her komme ich nun zum Predigttext. Auch hier geht es um die Trennung zwischen Menschen, um Spaltung, ja um Hass.

Der Apostel Paulus überlegt nämlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom — über ganze drei Kapitel hin —, warum die Juden größtenteils nicht an Jesus als den Messias (griechisch: Christus) glauben. Paulus kann es nicht verstehen, denn er ist ja selber Jude, er ist in der jüdischen Tradition aufgewachsen. Durch sein Erlebnis vor Damaskus hat er sich zum Glauben an Jesus Christus bekehren lassen. Er fragt sich nun, warum nicht alle Juden diesen Schritt zu Jesus hin tun. Er fragt sich, warum eigentlich diese Trennung besteht: zwischen den Juden, von denen es in Rom zahlreiche gibt, und den Christen, die eine große Gemeinde in der Hauptstadt des römischen Reiches bilden und die früher Heiden gewesen sind. In dieser christlichen Gemeinde leben aber auch „Judenchristen”, die wie Paulus selber aus dem jüdischen zum christlichen Glauben übergetreten sind.

Paulus ist über die Spaltung zwischen den Israeliten und den Christen tief betrübt, und er erinnert sich an den reichen jüdischen Glauben, von dem er herkommt.

— Der Text, den ich nun vorlese, ist der Anfang der drei Kapitel zu dem genannten Thema: Römer 9, 1-5.



Paulus betont hier zu Beginn drei Mal seine Aufrichtigkeit (Vers 1), bevor er anschließend seine große Traurigkeit und seine ununterbrochenen Schmerzen ausdrückt.

Er möchte lieber verflucht sein und von Christus getrennt, als mit ansehen zu müssen, dass die Israeliten nicht den Glauben annehmen wollen, den er für sich als die Wahrheit erkannt hat und für dessen Verbreitung er fast durch die ganze damals bekannte Welt reist. — Paulus liebt seine jüdischen Brüder, seine Verwandten „nach dem Fleisch”, seine Blutsverwandten. Sie sind ja weiterhin Israeliten, tragen also den Ehrennamen ihres Stammvaters Jakob. Sie sind weiterhin Gottes geliebte und angenommene Kinder: Ihnen gehört nach wie vor die Herrlichkeit Gottes, das meint seine Einwohnung und Kraft während der Wüstenwanderung und im Tempel von Jerusalem. Ihnen gehört nach wie vor der Bund, den Gott mit Noah, Abraham, Isaak, Jakob und Moses geschlossen hat. Den Israeliten steht nach wie vor die Gnadengabe der Tora zu, in welcher die Weisungen zum Leben enthalten sind, z. B. die lebensfördernden Gebote, am Sabbat zu ruhen, oder das Gebot, für Witwen und Waisen zu sorgen und die bedürftigen Fremden im Lande aufzunehmen. Die Juden feiern wie von Alters her die vollgültigen Gottesdienste im Tempel und in den Synagogen. Und ihnen gehören immer noch die Verheißungen, die Abraham erhalten hat, nämlich dass seine Nachkommen sich zu einem zahlreichen Volk, zum Volk Gottes vermehren werden.

Wir sehen: Paulus kann sich gar nicht genug daran tun, den Reichtum und die Lebensnähe des israelitischen Glaubens auszubreiten. Zum Schluss dieses Abschnitts sagt er dann: Aus dieser lebendigen Glaubenstradition stammt Jesus, stammt der Christus ab, der „da Gott ist über alles, gelobt in Ewigkeit”. Und er schließt diese Einleitung mit „amen” — das ist gewisslich wahr!

Weil also den Juden die vollgültigen Verheißungen Gottes weiterhin zugesagt sind, kann Paulus es nicht verstehen, warum sie nicht auch den anerkennen, den er selbst als die Erfüllung dieser Verheißungen erfahren hat: Jesus Christus. —

Darin liegt seine große Trauer begründet. Er sieht, dass eine Mauer zwischen den Juden und den Christen entstanden ist, eine Trennung zwischen Geschwistern, die doch eigentlich beide an den Gott Jakobs glauben. In dieser Trauer schreibt Paulus zwei Kapitel später sogar, dass die Israeliten Feinde der Christen seien im Hinblick auf das Evangelium von Jesus Christus. Doch wenn die Christen auf die Erwählung Israels blicken, dann müssen sie erkennen, dass die Juden die Geliebten Gottes sind; denn der Bund Gottes mit ihnen ist keineswegs zerbrochen.



Doch mit der „Feindschaft” quält Paulus sich herum. Und auch wir fragen uns, wenn wir über dieses Problem nachdenken, wie eine solche Feindschaft eigentlich zustande kommen konnte.

Wie konnte der Antijudaismus in der Kirche entstehen und immer schlimmere Ausmaße annehmen? So schlimm, dass im Laufe der Jahrhunderte sogar die Regierungen und die Politik in judenfeindlichem Sinne gehandelt haben — bis hin zum nationalsozialistischen Antisemitismus im 20. Jahrhundert.

Diese Problematik ist extrem kompliziert. Es gibt zahlreiche jüdische und christliche Gelehrte und Wissenschaftlerinnen, die sich ihr Leben lang in ihren Forschungen damit beschäftigen.

Ich möchte an dieser Stelle nur drei Dinge andeuten, als Anregung zum Nachdenken und Weiterdenken:

1. Wenn Menschen sich streiten, die sich sehr nahe stehen, z. B. Geschwister, Ehepartner, Eltern und Kinder, dann schmerzt dies ganz besonders. Wenn sich ein Bruder oder eine Schwester von uns abwendet oder unsere Auffassungen verurteilt, dann können wir nicht einfach darüber hinwegsehen und zur Tagesordnung übergehen. Denn der Schmerz ist zu groß. So ist es auch zwischen Christen und Juden: Sie kommen aus einem Stamm, vom Urvater Abraham, her. Sie sind Geschwister im Glauben und haben Vieles gemeinsam: So beten wir beispielsweise im christlichen Gottesdienst die wunderbaren Psalmen, die in der Hebräischen Bibel stehen. Wir haben vorhin auch ein Psalmlied gesungen. Und weil die Gemeinsamkeiten zwischen der christlichen und der jüdischen Tradition so groß sind, haben die Unterschiede, die Auseinandersetzungen die Menschen von Anfang an in ihrem Innersten berührt. Aus diesen theologischen und persönlichen Auseinandersetzungen sind sehr schnell, schon beginnend im Neuen Testament, feindliche Abgrenzungen entstanden. Ein Beispiel: Sogar Paulus hat, bevor er Christ wurde, seinerseits die Christen verfolgt, „mit Schnauben und Morden”, wie es in der Apostelgeschichte heißt. —

2. Auf der anderen Seite haben Christen von Anfang an — aus lauter Begeisterung über ihren neu erworbenen Glauben — damit begonnen, religiöse Aussagen von Juden abzuwerten. So wurde behauptet, dass Jesus als Erster das Gebot der Feindesliebe verkündet habe (Matthäus 5, 34ff., in der Bergpredigt). Dabei steht z.B. im 2. Buch Mose: „Wenn du dem Rind oder Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zuführen”.

Oder wir haben schon oft gehört, dass Jesus als Erster zu Gott „Vater” gesagt habe. Dabei ist die Tora, das „Alte Testament”, voll mit Aussagen darüber, dass Gott für uns Menschen Vater oder Mutter ist.

So gibt es für uns noch Vieles zu entdecken. Denn unser christlicher Glaube ist viel mehr von der jüdischen Tradition geprägt, als wir es lange Zeit — auch durch christliche Predigten — gehört haben!

3. Und nun ein drittes schwieriges Thema: Warum erkennt die jüdische Religion nicht Jesus als den verheißenen Messias an? Die Antwort lautet: Der Messias wird laut der Hebräischen Bibel bei seinem Erscheinen Frieden auf der Erde schaffen. Die Welt lebt aber nach wie vor im Unfrieden, auch nach Jesu Auftreten. Deshalb ist nach jüdischer Auffassung die Messiasverheißung noch nicht erfüllt. —



Dies sind nur drei kurze Andeutungen und Erklärungsversuche dazu, wie es zur Spaltung und zur „Feindschaft” kommen konnte. Zum Schluss noch einmal zurück zum Römerbrief des Paulus: Der Apostel kann das Rätsel der Trennung zwischen Juden und Christen nicht lösen, er sieht darin Gottes unerforschliche Wege, und er will sich nicht anmaßen, sie zu durch—schauen. Er hält sich in seiner Trauer an zwei Gedanken fest:

Zum einen: Da die meisten Juden nicht den Glauben an Jesus Christus angenommen haben, sind die Heiden zum Glauben berufen worden. Jesus hat in seinem Missionsauftrag („Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker” Matthäus 28, 19-20) den Kreis der Menschen, die an den einigen Gott glauben, unendlich erweitert. Die Heiden sind hinzugekommen, als ein weiteres Volk Gottes: hinzugekommen zum ersten Volk Gottes. Die Kirche ist nicht, wie die christliche Theologie lange Zeit behauptet hat, als neues Volk Gottes an die Stelle Israels getreten. Sondern wir Christen gehören, in religiöser Hinsicht, zu Abrahams Nachkommen. So wie wir es im Lied vor der Predigt gesungen haben: „Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen”.

In seinem Brief zitiert Paulus den Propheten Hosea: „Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.” Und er zitiert den Propheten Jesaja:Auch sie (die Fremden) sollen Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.” So sind Juden und Christen das geliebte Volk Gottes. —

Zum anderen: Paulus überlässt den weiteren Weg Israels und der christlichen Gemeinde allein Gott. Und so beendet er seine ausführlichen Überlegungen zu der gesamten Problematik mit einem Lobpreis:

O welch eine Tiefe des Reichtums,
beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte
Und unerforschlich seine Wege!
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit!


Und Paulus endet auch hier wieder mit „Amen.

Als Schlusswort für uns ein Ausspruch des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er sagte sinngemäß Folgendes: „Beide, Juden und Christen, leben in der Erwartung. Denn das Vollkommene ist noch nicht geschehen. Wir Juden warten darauf, dass der Messias kommt. Die Christen warten darauf, dass Jesus wiederkommt. Und wir werden alle gemeinsam sehen, ob es derselbe ist.

So lassen Sie uns als christliche Gemeinde zusammen darauf gespannt sein, wie Gott sich in unserem weiteren Leben zeigt!

Amen.



Ich danke der Verfasserin für ihre Bereitschaft, diese Predigt als Beitrag für diese Seiten zur Verfügung zu stellen.

August 2004, H.K.


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